Lieder sammeln

John Shreve

Mein Leben lang sammle ich Lieder. Die ersten Lieder, die ich gehört habe waren die, die mein Großvater oder meine Mutter sangen. Er sang religiöse Lieder wie „Onward Christian Soldiers“, „Rock of Ages“ und „Were You There When They Crucified My Lord“, aber auch alte Lieder wie „Columbus Stockade Blues“. Auch meine Mutter sang diese Lieder gelegentlich, zog aber die Poplieder der vierziger Jahre vor.

Als ich noch ein Kind war, kauften meine Eltern von einem Hausierer eine ganze Sammlung LPs. Sie war eine dieser Sammlungen, die jungen Leuten das musikalische Erbe der westlichen Welt nahebringen sollte. Darunter waren klassische Musik, Opern, bekannte Musicals, aber auch mehrere LPs mit Folksongs. Diese LPs haben mich besonders interessiert. Ich hörte sie immer wieder, bis die Platten so kratzig waren, dass die Nebengeräusche für meine jungen Ohren zu den Liedern gehörten.

Die Lieder waren unterteilt in Reiselieder, Seemannslieder, Lieder aus dem amerikanischen Bürgerkrieg und viele andere Kategorien. Darunter befanden sich Lieder wie „Blow the Man Down“, „Buffalo Gals“ oder „Tramp, Tramp, Tramp“. Wahrscheinlich waren die Interpretationen nicht besonders originell, aber das spielte für mich keine Rolle. Es waren die Worte, die mich faszinierten.

In der Grundschule hatten wir eigentlich keinen Musikunterricht. Es wurde nur gesungen. Das gefiel mir, obwohl ich der einzige Schüler war, der nicht im Chor singen durfte. Viele der Lieder waren patriotische Lieder, aber auch Folksongs. Besonders erinnere ich mich an „Oklahoma Hills“, das erste Lied von Woody Guthrie, das ich hörte, ohne damals seinen Namen zu kennen.

Die Popmusik im Radio interessierte mich nie. Ich bevorzugte Country-Musik. Sie hatte Biss und erzählte Geschichten aus dem wirklichen Leben. Besonders mochte ich Johnny Horton. Zu meinen ersten Singles gehörten „The Battle of New Orleans“, „North to Alaska“, „Johnny Reb“, „The Sinking of the Bismarck“ und „Big Bad John“ von Jimmy Dean.

In meiner Heimat St. Joseph, Missouri, war die von slowakischen Einwanderern gespielte Polka-Musik auf dem Akkordeon die einzige echte Volksmusik, die man live hören konnte. Ich liebte diese Musik und tue es bis heute.

1968 entdeckte ich in Deutschland zwei Sänger, die mein Leben entscheidend beeinflussten: Bob Dylan und Pete Seeger. Schon nach den ersten Takten von „Rainy Day Woman“ war ich von Bob Dylan begeistert. Wenig später hörte ich im Sprachlabor meiner Schule immer wieder Pete Seegers Album „At the Village Gate“. Beide Musiker wurden zum Ausgangspunkt meiner lebenslangen Leidenschaft für gute Lieder.

Während meines ersten Studienjahres an der Universität in Missoula entdeckte ich schließlich Woody Guthrie. Seine Stimme, seine Lieder und seine Ausdruckskraft beeindruckten mich tief. Danach begann ich gezielt nach weiteren großartigen Liedermachern zu suchen.

Zu den wichtigsten Entdeckungen gehörten Utah Phillips und Si Kahn. Später kamen viele weitere Künstler hinzu, darunter Ian Tyson, James Keelaghan, Guy Clark, Townes Van Zandt, Tom Russell, Kate Wolf sowie Jerry Rasmussen und Bob Dyer.

Bis heute sammle ich Lieder, weil jedes gute Lied eine Geschichte erzählt und ein Stück Geschichte, Kultur oder menschlicher Erfahrung bewahrt.