Alfred Wernicke

Von Reetz über Bautzen nach St. Thomas

Alfred Wernicke

Alfred Wernicke gehörte zu denjenigen, die am Ende des Zweiten Weltkrieges Glück hatten. Am 4. Juli 1945 kam er nach Hause, nach Reetz. Nicht nur hatte er den Krieg in Rußland unbeschadet überstanden, es war ihm auch gelungen, aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft zu flüchten. Er fand Frau und Kinder sowie Mutter und Vater wohlauf.

Das Verschwinden seines Vaters

Das Glück währte aber nicht lange. Am 24. August kam der Dorfpolizist zu seinem Vater, Franz Wernicke, um ihm mitzuteilen, daß er sich am darauffolgenden Tag in Belzig zu melden hatte.

Der ältere Wernicke, der bis Oktober 1933 Reetzer Bürgermeister gewesen war, hatte bis Kriegsende als Ortsbauernführer gedient. In dieser Eigenschaft mußte er unter anderem beim Streit zwischen den Reetzern und den Zwangsarbeitern, die im Dorf eingesetzt waren, schlichten.

Zu dem Fall von einem Reetzer, der gleich nach Kriegsende wegen Mißhandlung eines polnischen Arbeiters festgenommen worden war, sollte er eine Aussage machen.

Franz Wernicke zog seinen Sonntagsanzug an und, begleitet vom Reetzer Dorfpolizisten, fuhr er mit dem Rad nach Belzig. Der Polizist lieferte Wernicke bei einer sowjetischen Dienststelle ab und kehrte nach Reetz zurück.

Franz Wernicke kam nie wieder nach Hause.

Durch informellen Kontakt zu einem sowjetischen Offizier erfuhr die Familie, daß er sich bei dem Verhör angeblich selbst belastet hatte.

Ein anderer Reetzer, der ebenfalls interniert war, konnte der Familie später mitteilen, daß Franz Wernicke am 6. Januar 1946 im Lager Ketschendorf gestorben war. Eine amtliche Bestätigung seines Todes erhielt die Familie nie.

Der Hof in Reetz

Nun stand Alfred Wernicke alleine da mit dem großen Hof. Der junge Landwirt, der 1942 mit 18 Jahren zur Wehrmacht eingezogen worden war, hatte wenig Erfahrung in der Leitung eines Betriebes.

Durch die Hilfe seines Onkels Ewald Friedrich war er allerdings nach wenigen Monaten in der Lage, den Betrieb zu führen.

Die Widerstandsgruppe

Eines Tages machte er eine Bekanntschaft, die den Rest seines Lebens bestimmen sollte. Er unterschrieb einen Vertrag, Saatkartoffeln an eine Genossenschaft zu liefern.

Dadurch kam er ins Gespräch mit einem Vertreter dieser Genossenschaft. Sie besprachen die aktuelle Lage, die Tatsache, daß Wernickes Vater vermißt war, und daß sie beide mit der gegenwärtigen politischen Situation nicht zufrieden waren.

Der neue Bekannte offenbarte Wernicke, er sei Mitglied einer illegalen Gruppe, die gegen die Sowjets arbeiten wollte.

Es war eine kleine Gruppe ehemaliger Offiziere und Offiziersanwärter. Für den Fall einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den USA sollten Partisanen- und Widerstandsgruppen gebildet werden.

Alfred Wernicke schloß sich dieser Gruppe an.

Es war so gedacht, daß im Falle eines Krieges Fallschirmstruppen landen sollten. Und zwar sollte ich Stellen auskundschaften, die geeignet wären für Fallschirmspringer. Ich hatte nur den Auftrag, mich nach den militärischen Verhältnissen in Alten Grabow zu erkundigen. Ich bin nie dazu gekommen.

Der Führer der Gruppe in der Brandtsheide war ein Lehrer in Wiesenburg. Alfred Wernicke war zu der Überzeugung gekommen, wollte er seinen Vater lebend wiedersehen, müsse er in einer solchen Gruppe mitmachen.

Die Gruppe wird entdeckt

1948 kam die Nachricht, der Führer der Gruppe sei mitten in der Nacht von einem sowjetischen Auto abgeholt worden. Ohne den Führer löste sich die Gruppe auf.

Wernicke bereitete sich daraufhin auf eine mögliche Flucht vor. Kompaß, Karten, Gummistiefel und warme Kleidung lagen neben seinem Bett bereit. Er war außerdem bewaffnet.

Zunächst geschah jedoch nichts und Wernicke beruhigte sich.

Die Verhaftung

Man hatte Alfred Wernicke aber nicht vergessen.

Am 24. November 1950, um genau 13 Uhr 30, kam er zum Mittagessen in die Küche. Zwei Männer, die sich mit Marken der deutschen Kriminalpolizei auswiesen, betraten die Küche und fragten, ob er Alfred Wernicke sei.

In einem schwarzen Opel fuhren sie mit ihm davon.

Ein Vertreter für landwirtschaftliche Geräte, der die Wernickes gerade aufgesucht hatte, notierte das Autokennzeichen.

Belastende Dokumente

Bei der Festnahme hatte Alfred Wernicke zwei kompromittierende Dokumente in seiner Brieftasche.

Das erste war ein Exemplar des Telegraf, einer sozialdemokratischen Zeitung in Kleinformat, gedruckt in West-Berlin für die Ostzone.

Außerdem hatte er einen Brief von einem Mann, den er im Kriegsgefangenenlager kennengelernt hatte. Darin wurde nach einer Maschinenpistole gefragt, die sie zusammen versteckt, aber nach ihrer Flucht aus der Gefangenschaft nicht mehr abgeholt hatten.

Zwei Tage vor seiner Festnahme war Wernicke in West-Berlin gewesen, um von Rainer Hildebrandt Flugblätter abzuholen.

Verhöre

Zunächst brachte man Alfred Wernicke nach Belzig. Von dort ging es nach Brandenburg, Polizeirevier Nr. 1.

Einen Gang entlang, dann um die Ecke, noch mal ein langer Gang, wieder um die Ecke, noch mal ein langer Gang, war es ganz am Ende, im letzten Zimmer.

Dort wurde er von sowjetischen Behörden verhört. Dabei wurde er mit dem Brief über die Maschinenpistole konfrontiert.

Immer wieder wurde er nach deren Verbleib gefragt. Wernicke konnte ehrlich antworten, daß er es nicht wußte.

Die Behörden wußten allerdings nicht, daß sich bei ihm tatsächlich noch eine Maschinenpistole und eine Pistole befanden, da das Haus nicht durchsucht worden war.

Lindenstraße 10 in Potsdam

Nach fünf Tagen wurde Wernicke nach Potsdam, Lindenstraße 10, gebracht, wo er bis Mai blieb.

Er befand sich in Einzelhaft. Das Licht in seiner Zelle brannte Tag und Nacht. Durch eine Blende vor dem Fenster gelangte nur wenig Tageslicht hinein.

Die nächtlichen Verhöre fanden in einem kalten Raum statt. Gleichzeitig war es ihm tagsüber verboten, sich hinzulegen oder auf der Pritsche zu sitzen.

Wernicke beschrieb später die Zeit als körperlich und psychisch zermürbend.

Unterstützung aus Reetz

Bereits am 27. November hatten sich zehn Reetzer Mitglieder der DBD an ihre Landesleitung gewandt.

Sie baten darum, sich für die Aufklärung der Festnahme und für Wernickes Freilassung einzusetzen.

Die meisten Reetzer gingen davon aus, Wernicke sei wegen der Verteilung von Flugblättern festgenommen worden.

Die Flugblattaktion

Am 15. Oktober hatten die ersten Wahlen zur Volkskammer, den Landtagen und Gemeindevertretungen seit der Gründung der DDR stattgefunden.

In der Nacht vor der Wahl hatte Alfred Wernicke zusammen mit einem Mitarbeiter seines Hofes Flugblätter an alle Reetzer Haushalte verteilt.

Die Flugblätter hatte er zwei Tage zuvor bei einem Treffen mit Rainer Hildebrandt in West-Berlin abgeholt.

Wernicke ging davon aus, daß seine Beteiligung geheim geblieben war.

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR erfuhr er, daß praktisch das ganze Dorf davon gewußt, aber geschwiegen hatte.

Die sowjetischen Behörden erfuhren nichts von der Aktion. Sie war daher nicht der Grund für seine Verhaftung.

Siglinde Wernicke

Nach Alfred Wernickes Festnahme blieb seine Frau Siglinde mit ihren drei Kindern und ihrer Schwiegermutter zurück.

Sie mußte Schweine füttern, Kühe melken und Pferde versorgen. Gleichzeitig stellte sie fest, daß sie auf dem Bahnhof in Wiesenburg regelmäßig kontrolliert wurde.

Sie befürchtete schließlich, selbst verhaftet zu werden.

Flucht nach Berlin

Im Januar 1951 beschloß Siglinde Wernicke, nach Berlin zu ziehen.

Ihre Mutter nahm zunächst die beiden jüngeren Söhne Edmund und Joachim mit nach Berlin.

Siglinde blieb mit ihrem ältesten Sohn noch etwa eine Woche in Reetz und bereitete die Flucht vor.

Mit einem Postauto fuhr sie zunächst nach Belzig und anschließend mit einem Linienbus nach Potsdam.

Dort ging sie zu Pfarrer Karl Manoury von der französischen Gemeinde, der von 1925 bis 1931 Pastor in Reetz gewesen war.

Schließlich gelangte sie mit ihrem Sohn in die S-Bahn und nach West-Berlin.

25 Jahre Arbeitslager

Am 21. März 1951 wurde Alfred Wernicke von einem sowjetischen Militärtribunal vor dem Gericht der Weißrussischen Sowjetischen Republik verurteilt.

Das Urteil lautete auf 25 Jahre Arbeitslager mit Enteignungsbeschlagnahme wegen Spionage und Vorbereitung zum Aufstand.

Zuchthaus Bautzen

Im Mai 1951 wurde Alfred Wernicke ins Zuchthaus Bautzen verlegt.

Erst am 12. Juni 1951 durfte der Häftling Nummer 892 einen Brief an seine Frau schreiben und sie über seine Verurteilung informieren.

Siglinde Wernicke war damals 23 Jahre alt und stand mit drei kleinen Kindern alleine da.

In Bautzen traf Alfred Wernicke den Lehrer aus Wiesenburg, den früheren Führer der Widerstandsgruppe.

Von ihm erfuhr er, daß der ehemalige Offizier in Wiesenburg ein Spitzel gewesen und die Gruppe von Anfang an unterwandert worden war.

Brandenburg-Görden

Am 2. Februar 1953 wurde Alfred Wernicke nach Brandenburg-Görden verlegt.

Die dortigen Haftbedingungen beschrieb er später als besonders schlimm.

Er erkrankte an einer Rippenfellentzündung. Zunächst ließen ihn die Wächter nicht zum Arzt. Erst bei einer Reihenuntersuchung wurde seine Erkrankung erkannt.

Schwerkrank schrieb Alfred Wernicke seiner Frau einen Abschiedsbrief.

Entlassung

Alfred Wernicke wurde für arbeitsunfähig erklärt und am 15. Januar 1954, noch immer schwer krank, aus der Haft entlassen.

Er zog zu seiner Familie nach Flensburg und kam zunächst in eine Heilstätte, um seine Rippenfellentzündung behandeln zu lassen.

Anschließend ließ er sich an der höheren Landbauschule in Schleswig zum Agraringenieur ausbilden und fand eine Anstellung bei einer Agrarfirma.

Sein Gesundheitszustand blieb jedoch instabil.

Auswanderung in die USA

1957 fuhr die Familie Wernicke mit dem Schiff General W. C. Langfitt, einem amerikanischen Liberty Ship, in die USA.

Drei Jahre lebte die Familie in Quincy im Bundesstaat Massachusetts.

Siglinde Wernicke arbeitete zunächst in einer Wäscherei für 99 Cents die Stunde.

Alfred Wernicke sprach bei seiner Ankunft kein Englisch. Zunächst arbeitete er als Hilfsarbeiter im Bau. Er lernte jedoch schnell und erhielt schließlich ein Angebot, auf den Jungferninseln im Baugewerbe zu arbeiten.

St. Thomas

Im Oktober 1960 zog die Familie auf die Insel St. Thomas.

Dort baute Alfred Wernicke ein Haus für seine Familie.

Rückkehr nach Deutschland

Von 1972 bis 1980 lebte die Familie wieder in Deutschland. Alfred Wernicke benötigte eine gründliche ärztliche Betreuung, die es auf der Insel nicht gab.

Seine gesundheitlichen Probleme standen mit großer Wahrscheinlichkeit im Zusammenhang mit seiner Haftzeit.

1985 kehrten Alfred und Siglinde Wernicke endgültig nach West-Berlin zurück.

Bis 1989 wurde Wernicke von der DDR- und der sowjetischen Sicherheit beobachtet.

Alfred Wernickes Tod

Alfred Wernicke starb am 15. März 2000.