Die Entstehung der Deutschen Christen
Beunruhigt durch die Revolution und die Kirchenverfolgungen im bolschewistischen Russland hatten schon in den 1920er Jahren konservative Kräfte in der evangelischen Kirche das Bündnis mit der völkischen Bewegung gesucht.
Die Bewegung, die später als Glaubensbewegung Deutsche Christen bekannt wurde, wurde auf Initiative von Wilhelm Kube ins Leben gerufen.
Kube wurde später nationalsozialistischer Gauleiter der Kurmark und Oberpräsident der Provinz Brandenburg.
Bei den Kirchenwahlen 1932 in Preußen hatten die Deutschen Christen fast ein Drittel der Sitze in den wichtigen Gremien gewonnen.
Ihr Ziel war eine evangelische Reichskirche nach dem sogenannten Führerprinzip und auf der Grundlage nationalsozialistischer Vorstellungen von Rasse und Volk.
Die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde von der Bewegung begrüßt.
Der Konflikt um die Reichskirche
Im April 1933 ernannte Hitler den Königsberger Wehrkreispfarrer Ludwig Müller zu seinem Berater für Angelegenheiten der evangelischen Kirche.
Müller stand den Deutschen Christen nahe.
Viele Angehörige der evangelischen Kirche begrüßten grundsätzlich die Idee einer Reichskirche, auch wenn sie die rassistischen Vorstellungen der Deutschen Christen ablehnten.
Am 27. Mai wählten Vertreter der 28 Landeskirchen jedoch Friedrich von Bodelschwingh und nicht Müller zum ersten Reichsbischof.
Mit Bodelschwingh ließen sich weder das Führerprinzip noch der sogenannte Arierparagraph in der evangelischen Kirche ohne Weiteres durchsetzen.
Die Gleichschaltung der Kirche
Hitler betrachtete die Deutschen Christen als ein Instrument zur politischen Gleichschaltung der evangelischen Kirche.
Der preußische Kultusminister Bernhard Rust setzte August Jäger als Staatskommissar für die preußischen Landeskirchen ein.
Jäger trat sein Amt am 24. Juni 1933 an. Noch am selben Abend trat Reichsbischof Friedrich von Bodelschwingh zurück.
Jäger beurlaubte fast den gesamten Oberkirchenrat und löste gewählte kirchliche Vertretungen auf.
Frei gewordene Stellen im Oberkirchenrat wurden anschließend mit Deutschen Christen besetzt.
Widerstand innerhalb der evangelischen Kirche
Der staatliche Eingriff löste erheblichen Widerstand innerhalb der evangelischen Kirche aus.
Zu den Gegnern gehörten Mitglieder des Oberkirchenrates, Generalsuperintendenten und die Jungreformatorische Bewegung.
Auf Anregung Otto Dibelius wurde ein Aufruf gegen den Einsatz staatlicher Macht gegenüber der Kirche verfasst.
Dibelius wurde daraufhin von Jäger beurlaubt.
Gleichzeitig ordnete die Leitung der Deutschen Christen an, Kirchen, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser neben der Kirchenfahne auch mit der schwarz-weiß-roten Reichsfahne und der Hakenkreuzfahne zu beflaggen.
Die Kirchenwahl vom Juli 1933
Kurzfristig wurden Kirchenwahlen für den 23. Juli 1933 angesetzt.
Durch die massive politische Unterstützung erzielten die Deutschen Christen einen überwältigenden Wahlerfolg in zahlreichen Landeskirchen.
Dazu gehörten unter anderem Preußen, Sachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, Braunschweig und Hessen.
Der Arierparagraph
Am 5. September 1933 beschloss die von den Deutschen Christen dominierte preußische Generalsynode die Einführung des sogenannten Arierparagraphen für Geistliche und Kirchenbeamte.
Nach diesen rassistischen Bestimmungen sollte nur Geistlicher oder Kirchenbeamter werden können, wer als arischer Abstammung galt und den nationalsozialistischen Staat unterstützte.
Besonders der Widerstand gegen diese Regelung führte Pastor Martin Niemöller zur Gründung des Pfarrernotbundes.
Aus diesem entwickelte sich später die Bekennende Kirche.
Am 27. September wählte die in Wittenberg tagende Nationalsynode Ludwig Müller zum Reichsbischof.
Die Sportpalastkundgebung
Einen entscheidenden Einschnitt erlebte die Bewegung am 13. November 1933.
An diesem Tag fand eine große Kundgebung der Deutschen Christen im Berliner Sportpalast statt.
Der Berliner Gauführer Reinhold Krause hielt dort eine radikale antisemitische Rede und verlangte unter anderem eine Entfernung jüdischer Bestandteile aus dem Christentum.
Nach seiner Rede wurde eine Resolution verabschiedet. Unter den etwa 20.000 Teilnehmern gab es laut dem vorliegenden Text nur eine Gegenstimme.
Die Veranstaltung löste einen Sturm des Protestes aus. Auch innerhalb der Deutschen Christen kam es zu Austritten und Auseinandersetzungen.
Der Niedergang der Bewegung
Die öffentliche Diskussion entwickelte sich zunehmend zu einem politischen Problem für die Reichsregierung.
Am 27. November schränkte das Propagandaministerium die Berichterstattung über den Kirchenstreit ein.
Kurz darauf durfte über die internen Auseinandersetzungen der Deutschen Christen nicht mehr berichtet werden.
Anfang Dezember legte Reichsbischof Müller seine Schirmherrschaft über die Deutschen Christen nieder.
Am 21. Dezember trat Joachim Hossenfelder von seinen kirchlichen Ämtern und von der Leitung der Bewegung zurück.
Sein Nachfolger wurde Dr. Christian Kinder.
Die Deutschen Christen im Kreis Zauch-Belzig
Auch im Kreis Zauch-Belzig konnten die Deutschen Christen bei den Kirchenwahlen Erfolge erzielen.
Aus Ragösen und Groß-Briesen wurden ausschließlich Vertreter der Glaubensbewegung zur Kreissynode geschickt.
Für Ragösen wurden Carl Spiesecke, Ortsgruppenleiter der NSDAP, und Hermann Regenstein, Ortsgruppenleiter des Stahlhelms, gewählt.
Groß-Briesen wurde durch Kantor Emil Quade vertreten.
Ortsgruppen im Kreis
Bis November 1933 waren Ortsgruppen der Deutschen Christen unter anderem in folgenden Orten gegründet worden:
- Belzig
- Brück
- Wiesenburg
- Ragösen
- Mörz
- Nescholz
- Golzow
- Benken
- Cammer
- Lüsse
- Fredersdorf
- Dippmannsdorf
- Grubo
Zu den größten Ortsgruppen gehörte Ragösen. Im Oktober 1933 hatte die Gruppe 65 Mitglieder.
Pfarrer Paul Bernhard
Gruppenobmann in Ragösen war Pfarrer Paul Bernhard.
Bernhard stammte aus Magdeburg und war seit 1929 Pfarrer in Ragösen.
Gleichzeitig war er Kreisobmann der Deutschen Christen im Kirchenkreis Belzig.
Als Redner wurde er in zahlreiche Gemeinden eingeladen, wo er die Grundsätze der Bewegung erläuterte.
Bei einer Gründungsversammlung in Wiesenburg erklärte er:
So wie die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei das Volk zum Erwachen gebracht hat, so soll und wird die Glaubensbewegung Deutsche Christen die Kirche wieder zum Erwachen bringen.
Die Idee einer Volkskirche
Die Deutschen Christen strebten eine sogenannte Volkskirche an.
Dabei sollte die evangelische Kirche eng mit dem nationalsozialistischen Staat und dessen Weltanschauung verbunden werden.
Auch das Führerprinzip sollte auf die kirchliche Organisation übertragen werden.
Wie die NSDAP niemals ohne Führerprinzip das geworden wäre, was sie heute ist, so bekennt sich die Glaubensbewegung Deutsche Christen entschieden zum Führerprinzip.
Die Bewegung verband diese Vorstellungen zudem ausdrücklich mit rassistischen Konzepten von Blut, Volk und Boden.
Christuskreuz und Hakenkreuz
Pfarrer Bernhard fasste die angestrebte Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Kirche mit den Worten zusammen:
Christuskreuz und Hakenkreuz gehören zusammen und sind die Zeichen unserer neuen Bewegung.
Versammlungen der Deutschen Christen wurden häufig mit dem Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott eröffnet beziehungsweise begleitet.
Zum Abschluss wurden das Deutschlandlied und das Horst-Wessel-Lied gesungen.
Kirchenleben in Ragösen
Das Kirchenleben in Ragösen wurde stark durch die politischen und religiösen Vorstellungen Pfarrer Bernhards geprägt.
Beim Kinderfest der Kindergottesdienste von Ragösen und Groß-Briesen am 17. September 1933 wurden neben der Kirchenfahne auch die Farben des nationalsozialistischen Staates mitgeführt.
Etwa 160 Kinder nahmen an der Veranstaltung teil.
Am Abend fand ein Fackelzug statt, an dem sich laut dem historischen Bericht fast das gesamte Dorf beteiligte.
Veränderungen des Gemeindelebens
Bernhard wollte seine Vorstellungen eines Deutschen Christentums auch auf das alltägliche Kirchenleben übertragen.
In Ragösen plädierte er gegen Sonnabendveranstaltungen, die sich bis in die frühen Sonntagsstunden erstreckten.
Es wurde beschlossen, Taufen und Trauungen am Sonnabend zu untersagen.
Der Sonntag sollte wieder stärker als Tag des Herrn behandelt werden.
Gleichzeitig wurde die frühere feste Platzordnung in der Kirche abgeschafft. Jeder sollte seinen Sitzplatz frei wählen können.
Martin Luther und die Deutschen Christen
Die Deutschen Christen versuchten, Martin Luther für ihre Bewegung zu vereinnahmen.
Am 10. November 1933 feierte die evangelische Kirche den 450. Geburtstag des Reformators.
Pfarrer Bernhard stellte dabei eine Verbindung zwischen Luther, dem deutschen Volk und Adolf Hitler her.
Auch der rassistische Arierparagraph wurde in diesem Zusammenhang von ihm verteidigt.
Fahnenweihe am Luthertag
Am Luthertag wurde im Festgottesdienst die neue Fahne der Ortsgruppe der Deutschen Christen geweiht.
Auf der Fahne waren Christuskreuz und Hakenkreuz miteinander verbunden.
Der Pfarrer berührte die neue Fahne mit der Parteifahne. Anschließend grüßte die Gemeinde mit dem damals sogenannten deutschen Gruß.
Zum Abschluss der Weihestunde wurde das Vaterunser gesprochen.
Reaktionen auf die Berliner Sportpalastkundgebung
Die radikale Sportpalastkundgebung vom November 1933 wirkte sich auch auf die Deutschen Christen im Kreis Zauch-Belzig aus.
Bei einer Versammlung am 25. November in Fredersdorf wurden die Berliner Ereignisse kritisiert.
Gleichzeitig bekannten sich die örtlichen Mitglieder weiterhin zur Reichsführung sowie zu Bibel und evangelischem Bekenntnis.
Die Bewegung im Jahr 1934
Trotz der zunehmenden Konflikte verteidigte Pfarrer Bernhard weiterhin die enge Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Deutschen Christen.
Auf einer Kundgebung am 31. Januar 1934 im Hotel Paul in Wiesenburg erklärte er, Ziel der Bewegung bleibe die Gewinnung jener deutschen Volksgenossen für die evangelische Kirche, die sowohl Nationalsozialismus als auch Kirche bejahten.
Am 17. Februar 1934 sprach Bernhard in Grubo.
Deutscher Christ und evangelischer Nationalsozialist ist eins.
Er erklärte außerdem, die bisherigen 28 Landeskirchen sollten in einer einzigen Reichskirche aufgehen.
Versammlung in Belzig
Bei einer Versammlung der Deutschen Christen im Juni 1934 im Viktoriagarten in Belzig sprach Landesjugendpfarrer Gartenschläger.
Seine Rede verband eine völkisch interpretierte germanische Geschichte mit Luther, Christentum und nationalsozialistischer Ideologie.
Die Auffassung, Religion sei Privatsache, bezeichnete er als Zeichen des Marxismus.
Quellen und Literatur
- Kretschmar/Nicolaisen: Dokumente I, S. 74.
- Hilde Kammer und Elisabet Bartsch: Lexikon Nationalsozialismus: Begriffe, Organisationen und Institutionen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2. Auflage, 1999, S. 39.
- Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Propyläen Taschenbuch, München, 2000.
- Rede des Gauobmannes der Glaubensbewegung Deutsche Christen in Groß-Berlin, Dr. Reinhold Krause, Sportpalast, 13. November 1933.
- Zauch-Belziger Kreisblatt, verschiedene Ausgaben 1933–1934.