Politisierung des Lebens in der DDR
Nach der Gründung der DDR erfolgte eine zunehmende Politisierung des Lebens. Diese Entwicklung spiegelte sich auch in den Protokollen der Gemeindevertretersitzungen von Reetz wider.
Bemerkenswert ist, dass der Name „Deutsche Demokratische Republik“ erst im Protokoll vom 26. Januar 1950 ausdrücklich erwähnt wurde.
Die Sitzung wurde mit einem Referat des Schulleiters Johannes Faber über die Nationale Front eröffnet.
Der Redner schloß mit den Worten: Wer in der Nationalen Front kämpft, kämpft für die Einheit Deutschlands, für einen Friedensvertrag und den Abzug der Besatzungstruppen und darüber hinaus für das Glück unserer Kinder und für Deutschland.
FDJ und politische Organisationen
Am 2. März 1950 stellte die FDJ einen Antrag zur Anschaffung einer FDJ-Fahne und eines Pionierwimpels.
Die Gemeindevertretung stimmte dem Antrag zu. Die Kosten sollten aus dem Schuletat bezahlt werden.
Die Gemeindewahl von 1950
Bereits im Sommer 1950 begannen die Vorbereitungen für die Gemeindewahl am 15. Oktober.
Das Protokoll einer Blocksitzung vom 25. August 1950 zeigt, wie die Kandidaten der Einheitsliste bestimmt wurden.
Otto Großkopf, der am 22. Februar 1949 zum Nachfolger von Paul Müller gewählt worden war, eröffnete die Sitzung.
Ein Vertreter der Landesregierung erklärte, dass nur Kandidaten aufgestellt werden sollten, die im Sinne der DDR arbeiteten.
Bei der anschließenden Wahl erhielten die Kandidaten offiziell 937 Stimmen ohne Gegenstimme.
Max Jakubowski wurde Fraktionsvorsitzender der SED.
Wahlbeteiligung und politischer Druck
Trotz der Einheitsliste lag die Wahlbeteiligung regelmäßig bei nahezu hundert Prozent.
Max Jakubowski berichtete später, dass Einwohner, die noch nicht gewählt hatten, von sogenannten Läufern aufgesucht und zum Wahllokal gebracht wurden.
Nach seiner Erinnerung gab es durchaus Nein-Stimmen, diese seien jedoch nicht öffentlich bekanntgegeben worden.
Kirche und Politik
Auch die Stellung der evangelischen Kirche im Dorf veränderte sich grundlegend.
Der Aufbau eines marxistisch-leninistischen Staates brachte die Kirche zunehmend in Opposition zur staatlichen Politik.
Ab 1949 wurde die Auseinandersetzung mit der Kirche immer offener geführt.
Die erste Phase der DDR-Kirchenpolitik war von atheistischer und antiklerikaler Propaganda geprägt. Auf Menschen wurde Druck ausgeübt, aus der Kirche auszutreten.
Der Religionsunterricht wurde aus den Schulräumen entfernt und aus der früheren Kirchensteuer wurde ein freiwilliger Kirchenbeitrag.
Konflikte in Reetz
Auch in Reetz entstanden Konflikte zwischen der Kirche und Anhängern der neuen politischen Ordnung.
Pfarrer Gerhard Juergensohn veranstaltete regelmäßig Bibelstunden.
Eine dieser Bibelstunden fand am gleichen Abend wie eine Revolutionsfeier statt.
Die Bibelstunde war gut besucht, während nur wenige Menschen zur Revolutionsfeier kamen.
Daraufhin musste sich Juergensohn gegenüber Vertretern verschiedener Organisationen rechtfertigen. Ihm wurde vorgeworfen, die politische Veranstaltung absichtlich sabotiert zu haben.
Die Verhaftung von Alfred Wernicke
Im Herbst 1950 wurde Alfred Wernicke, der Sohn von Franz Wernicke, verhaftet.
Am 24. November um 13.30 Uhr erschienen drei Männer in Zivil auf seinem Hof. Wernicke war gerade dabei, seinen Traktor zu reparieren.
Einer der Männer wies sich mit einer Dienstmarke der Kriminalpolizei aus. Anschließend wurde Wernicke in einem schwarzen Opel abtransportiert.
Seine Frau Siglinde versuchte am folgenden Tag in Belzig herauszufinden, was mit ihrem Mann geschehen war.
Sie erfuhr lediglich, dass es sich um eine politische Angelegenheit handelte.
Flugblätter gegen das Regime
Viele Reetzer vermuteten zunächst, dass Wernicke wegen der Verteilung oppositioneller Flugblätter festgenommen worden war.
Kurz zuvor hatte er gemeinsam mit Alfred Kniechale nachts Flugblätter an Reetzer Haushalte verteilt.
Die Flugblätter hatte er zwei Tage zuvor in West-Berlin besorgt.
Auf dem Platz der Einheit verteilte er außerdem kleine Zettel mit einer Darstellung Stalins.
Bei politisch Verantwortlichen hinterließ er eine Broschüre über Wahlbetrug und Wahlmanöver in der Ostzone.
Nach dem Zusammenbruch der DDR erfuhr Wernicke, dass offenbar große Teile des Dorfes von seiner Aktion gewusst, aber geschwiegen hatten.
Verurteilung
Alfred Wernicke wurde zunächst nach Brandenburg gebracht und fünf Tage lang verhört.
Danach kam er nach Potsdam in die Lindenstraße 10.
Ein sowjetisches Militärtribunal verurteilte ihn wegen Teilnahme an einer illegalen Organisation und Spionage zu 25 Jahren Strafarbeitslager.
1947 hatte sich Wernicke einer Widerstandsgruppe angeschlossen. Die Gruppe war bereits früh von einem Spitzel unterwandert worden.
Im Mai 1951 kam Wernicke nach Bautzen. Dort blieb er bis 1953.
Nach einer Erkrankung an Rippenfellentzündung und Tuberkulose wurde er arbeitsunfähig.
Am 15. Januar 1954 wurde er entlassen und ging nach Flensburg.
Der Kalte Krieg in Reetz
Der Kalte Krieg wurde zunehmend Teil des politischen und gesellschaftlichen Lebens im Dorf.
Am 21. Dezember 1950 fand beispielsweise eine Feierstunde anlässlich des 71. Geburtstages Josef Stalins statt.
In Reden wurde Stalin als Friedenskämpfer dargestellt und seine Rolle beim Aufbau der Sowjetunion hervorgehoben.
Anschließend verabschiedeten die Teilnehmer eine politische Resolution.
Politische Resolutionen
Die Protokolle der Gemeindevertretersitzungen beschäftigten sich zunehmend mit Fragen der deutschen und internationalen Politik.
Referate über Frieden, deutsche Einheit und internationale Konflikte gehörten immer häufiger zur Tagesordnung.
Selbst der Fall des amerikanischen Ehepaares Rosenberg wurde in Reetz behandelt.
Die Gemeindevertreter richteten eine Solidaritätserklärung an den amerikanischen Präsidenten Eisenhower.
Solche Resolutionen und Briefe wurden allerdings nicht unmittelbar von der Gemeindevertretung entwickelt, sondern von der Kreisleitung der SED vorgefertigt.
Der Alltag blieb bestehen
Neben der großen Politik beschäftigte sich die Gemeindevertretung weiterhin mit alltäglichen Angelegenheiten des Dorfes.
Dazu gehörten der Bau eines Sportplatzes, der Ausbau der Badeanstalt, Kartoffelkäfersuchtage und sogar organisatorische Fragen bei Beerdigungen.
Sowjetische Manöver
Eine erhebliche Belastung für die Einwohner waren die Manöver der sowjetischen Truppen.
Teilweise fuhren Hunderte Panzer durch das Dorf. Dabei entstanden Schäden an Straßen und Gebäuden.
Der Lärm, Staub und die nächtlichen Bewegungen der Fahrzeuge belasteten die Bevölkerung zusätzlich.
Kritik an den Manövern war politisch riskant. Sie wurden offiziell als notwendige Maßnahmen zur Sicherung des Friedens dargestellt.
Die Schule und die Politik
Auch die Reetzer Schule wurde zunehmend von der politischen Auseinandersetzung des Kalten Krieges geprägt.
Unterrichtsmaterialien stellten die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR positiv dar, während Westdeutschland und die westlichen Staaten überwiegend negativ beschrieben wurden.
Selbst Diktate im Deutschunterricht enthielten politische Botschaften.
Die Sowjetunion wurde als Friedensmacht dargestellt, während westliche Staaten als imperialistische Bedrohung beschrieben wurden.
1952–1953
Im Juli 1952 beschloss die zweite Parteikonferenz der SED die planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus in der DDR.
Damit verschärfte sich auch in Reetz der politische Druck.
Der Kalte Krieg wurde zunehmend in nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens getragen.
Die „Ami-Plage“
Im August 1952 berichtete die Märkische Volksstimme über zwei Junge Pioniere aus Reetz, die innerhalb weniger Tage Tausende Kartoffelkäfer gesammelt hatten.
In der damaligen Propaganda wurde behauptet, amerikanische Flugzeuge hätten Kartoffelkäfer über der DDR abgeworfen.
Der dritte Jahrestag der DDR
Zum 7. Oktober 1952 verpflichteten sich Einwohner von Reetz, den Aufbau des Sozialismus mit allen verfügbaren Kräften zu unterstützen.
Gleichzeitig wurde die Bereitschaft erklärt, gegen sogenannte Kriegs- und Antisowjethetze vorzugehen.
Das Erntefest von 1952
Selbst das traditionelle Erntefest wurde zunehmend politisiert.
Am 5. Oktober 1952 wurde der Festzug als Demonstration gegen die sogenannten Kriegsbrandstifter der USA und ihre Unterstützer in Westdeutschland dargestellt.
Politische Losungen wurden an Traktoren, Anhängern und anderen Fahrzeugen angebracht.
Danach folgte ein Kulturprogramm mit Tänzen, Musik und Aufführungen.
Weihnachten und Politik
Auch die Weihnachtsfeier des Demokratischen Frauenbundes stand im Zeichen des Kalten Krieges.
Neben Liedern und kulturellen Darbietungen wurden politische Reden über Deutschland, den Frieden und die Freundschaft mit der Sowjetunion gehalten.
Pfarrer Dr. Günther Thal
Am 1. Oktober 1952 trat Dr. Günther Thal seinen Dienst als Pfarrer in Reetz an.
Er war 1902 in Brandenburg geboren und hatte in Berlin, Halle, Leipzig und Tübingen studiert.
Nach verschiedenen kirchlichen Tätigkeiten und einem Studium der Pädagogik promovierte er in diesem Fach.
Im Februar 1943 wurde Thal Soldat. Erst Ende September 1948 kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft zurück.
Im Oktober 1952 heiratete er Irmgard und übernahm anschließend die Pfarrstelle in Reetz.
Die Junge Gemeinde
Dr. Thal trat sein Amt während einer verschärften Kampagne gegen die Kirche an.
Während der ersten fünf Monate des Jahres 1953 wurden in der DDR zahlreiche Geistliche, kirchliche Mitarbeiter und Diakone verhaftet.
Auch Schüler, die Mitglieder der Jungen Gemeinde waren, wurden von Schulen verwiesen.
Der Jungen Gemeinde wurde staatsfeindliche Tätigkeit vorgeworfen.
In Reetz wurden ihre Aktivitäten ebenfalls zunehmend eingeschränkt.
Der „Neue Kurs“
Erst mit der Einleitung des sogenannten „Neuen Kurses“ am 9. Juni 1953 wurde die Kampagne gegen die Kirche abgeschwächt.
Nach Stalins Tod verlangte die neue sowjetische Führung von der SED eine weniger konfrontative Politik und eine Revision bestimmter Maßnahmen beim Aufbau des Sozialismus.
Probleme der Planwirtschaft
Trotz der offiziellen Erfolgsmeldungen gab es in der Landwirtschaft erhebliche Probleme.
Bauern erfüllten ihre staatlichen Ablieferungspflichten, erhielten aber teilweise nicht die benötigten Futtermittel und Kohlen.
Die zentral gelenkte Wirtschaft führte außerdem zu bürokratischen Widersprüchen.
Der kuriose Ziegeltransport
Ein besonders auffälliges Beispiel wurde im September 1952 öffentlich beschrieben.
Die VdgB(BHG) Reetz erhielt einen Eisenbahnwaggon mit 7000 Ziegelsteinen aus Thüringen.
Gleichzeitig sollte die Reetzer Firma Senst im selben Waggon wiederum 7000 Ziegelsteine nach Berlin schicken.
Damit wurden Ziegel von Thüringen nach Reetz transportiert, obwohl im Ort selbst entsprechende Ziegel produziert wurden.
Das Ende der Firma Senst
Auch die Firma Senst hatte zunehmend Schwierigkeiten, die staatlichen Planvorgaben zu erfüllen.
Nach dem Tod Richard Sensts wurde der Betrieb als „Geschwister Senst, Sägewerk und Ziegelei“ weitergeführt.
Der politische und wirtschaftliche Druck nahm jedoch zu.
Ende Februar 1953 floh die Familie unbemerkt in den Westen.
Am 6. März 1953 wurde die Reetzer Ziegelei volkseigen.
Der 17. Juni 1953
Am 16. Juni 1953 begann in Berlin der Arbeiteraufstand, der sich am folgenden Tag über große Teile der DDR ausbreitete.
Auch der Kreis Belzig wurde von den Unruhen erfasst.
In Belzig wurden Funktionäre der SED über den Marktplatz getrieben. In Reetz versteckte sich der Bürgermeister.
In einer Gastwirtschaft an der Belziger Straße wurde gefeiert und das Deutschlandlied gesungen.
Auch der SED-Funktionär Max Jakubowski beteiligte sich an der Feier.
Nachdem bekannt wurde, dass im Roten Strumpf sowjetische Panzer aufgefahren waren, löste sich die Versammlung auf.
Der Tag danach
Am 18. Juni fand trotz des Ausnahmezustandes ein bereits länger geplanter Pfarrkonvent im Reetzer Pfarrhaus statt.
Wegen der Beschränkungen kamen die Teilnehmer teilweise zu zweit mit dem Fahrrad.
Vor dem Pfarrhaus stand ein sowjetischer Soldat mit aufgepflanztem Bajonett.
Noch einige Tage patrouillierten sowjetische Posten im Dorf.
Danach kehrte Reetz relativ schnell zum alltäglichen Leben zurück.
Landwirtschaftliche Leistungen
Schon bald berichteten die Behörden wieder über die Ablieferungsleistungen der Reetzer Bauern.
Bei Rindern, Schweinen, Milch und Eiern wurden hohe Anteile des vorgeschriebenen Solls erreicht.
Anmerkungen
1. Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) war ursprünglich als überparteiliche Jugendorganisation gegründet worden und entwickelte sich zu einer sozialistischen Massenorganisation.
2. Die Organisation der Jungen Pioniere stand unter Leitung der FDJ und sollte Kinder im Sinne des Sozialismus erziehen.
3. Der sogenannte Generalvertrag vom 26. Mai 1952 regelte die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den drei Westmächten.
4. Pfarrer Dr. Günther Thal war Mitglied der Bekennenden Kirche.
5. VE bedeutet „volkseigen“.
6. HO steht für Handelsorganisation, eine 1948 gegründete staatliche Organisation des Einzelhandels.
7. FDGB steht für Freier Deutscher Gewerkschaftsbund.