Die Gleichschaltung
Die Nationalsozialisten haben den Begriff von der Elektrotechnik übernommen: Gleichschaltung. Sie bedeutete die Zentralisierung der politischen Macht im Reich und die Ausschaltung aller demokratisch gesinnten Führungskräfte.
Gleichschaltung hieß aber auch, alle Aspekte des Lebens nationalsozialistisch zu durchdringen und zu beherrschen. Die Alleinherrschaft der NSDAP sollte gesichert sein.
Die Gleichschaltung der Deutschen war aber nicht nur eine Sache, die von oben kam. Viele Menschen bemühten sich, sich den neuen Bedingungen anzupassen, entweder weil sie überzeugte Anhänger des Führers waren oder weil es ihnen der bequemere Weg erschien.
Die politische Entwicklung in Ragösen
Das Dorf Ragösen war schon immer politisch konservativ gewesen.
1902 schrieb Pfarrer Karl Backhaus:
Weil die Bevölkerung seßhaft ist und eigenen Besitz hat, kann die politische Partei der Unzufriedenheit keinen Einfluß gewinnen.
Gemeint war die SPD.
Auch während der Republik blieb Ragösen konservativ. Bei der Reichstagswahl vom Mai 1928 hatte eine absolute Mehrheit der Ragösener Wähler für die konservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) gestimmt.
Zwei Jahre später stimmten noch über 40 % für die DNVP, aber auch 28 % für die Protestbewegung Deutsches Landvolk und schon mehr als jeder Zehnte für die Nationalsozialisten.
Bei der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler war Ragösen allerdings schon stark nationalsozialistisch geprägt.
Nach einem Aufruf des Dampfsägewerksbesitzers Carl Spieseckes vom 31. Dezember 1932 wurde eine Ortsgruppe der NSDAP mit 15 Mitgliedern gegründet. 1932 war sie auf 50 Mitglieder angewachsen.
Im selben Jahr wurde auch eine NS-Frauenschaft gegründet.
Bei der Präsidentschaftswahl im April 1932 gaben mehr als 80 % der Ragösener Adolf Hitler ihre Stimme. Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erhielt die NSDAP 84 % der Stimmen in Ragösen.
Die nationale Regierung
Die Bildung der nationalen Regierung unter Reichskanzler Hitler wurde im Kreis Zauch-Belzig von den konservativen Kräften mehrheitlich begrüßt, vom Landbund und auch vom Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten.
Dessen Bundesführer Franz Seldte saß als Arbeitsminister im Kabinett Hitlers.
Am 31. Januar trafen sich die Ragösener Ortsgruppen der NSDAP und des Stahlhelms zu einer gemeinsamen Sitzung im Lokal von Gustav Kettmann.
Pg. Spiesecke von der NSDAP begrüßte besonders die Stahlhelm-Kameraden und gab seiner Freude darüber Ausdruck, daß endlich die nationale Front gebildet sei. Die Führer der NSDAP und des Stahlhelms waren sich darüber einig, daß alles Trennende begraben sein müsse zum Wohle für Volk und Vaterland.
Am 18. Februar veranstaltete der Jungstahlhelm einen Deutschen Abend bei Kettmann.
Von den Wänden hingen die Hakenkreuzfahne sowie die schwarz-weiß-rote Fahne des Kaiserreiches.
Was vor wenigen Wochen für unmöglich gehalten wurde, ist Wahrheit geworden. Die nationale Rechte hat sich die Hand zu treuer Kampfgemeinschaft gereicht.
Was jahrelanges Verhandeln nicht geschafft, hat die Not der Zeit und der Wille, Deutschland von inneren und äußeren Feinden zu befreien, vollbracht.
Die Gemeindewahl
Die Einigkeit des konservativen Lagers war aber nicht ohne Spannung.
Im März fanden nicht nur Wahlen zum Reichstag statt, sondern auch Neuwahlen der Gemeindevertreter.
Um diese Wahl zu besprechen, lud Ortsvorsteher Fritz Kelch in der dritten Februarwoche in den Bölkeschen Saal ein.
Es herrschte Übereinstimmung, daß die Parteipolitik nicht in das Gemeindeparlament gehöre.
Um Streitigkeiten zu vermeiden, wurde eine Einheitsliste vorgeschlagen. Sie sollte Ausdruck des Zusammengehens der nationalen Kräfte sein.
Die NSDAP verlangte jedoch entsprechend einer Anweisung der Gauleitung 60 % der Sitze in der Gemeindevertretung.
Einigkeit konnte nicht erreicht werden und es mußten zwei Wahlvorschläge aufgestellt werden.
Bei der letzten Mehrparteienwahl zum Reichstag im März sank der Stimmenanteil der NSDAP in Ragösen auf 72 %. Die deutschnationale Kampffront Schwarz-Weiß-Rot erhielt fast 26 %.
Anders gesagt, die neue nationale Regierung genoß die Zustimmung von nicht weniger als 98 % der Wähler in Ragösen.
Der Tag der nationalen Arbeit
Der 1. Mai, den die neue Regierung zum Tag der nationalen Arbeit erklärt hatte, wurde in Ragösen im Sinne des Reichskanzlers Adolf Hitler gefeiert.
Im Festgottesdienst wurde über 2. Korinther 5,17 gepredigt:
Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden.
Gegen 20 Uhr versammelten sich die Ragösener im Mebeschen Saale.
Auf der Bühne, umgeben vom Maiengrün, war ein Doppelbild vom Reichspräsidenten von Hindenburg und Adolf Hitler.
Die Gemeinde hörte gemeinsam die Rundfunkübertragung der Reden von Propagandaminister Goebbels und dem Kanzler vom Tempelhofer Feld in Berlin.
Der offizielle Teil des Abends wurde abgeschlossen mit dem Singen des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes.
Am darauffolgenden Tag wurden die freien deutschen Gewerkschaften zerschlagen.
Konflikte innerhalb der NSDAP
Am Sonnabend, dem 15. Juli, bei der Monatsversammlung der Ortsgruppe der NSDAP wurde klar, daß es unter den Parteigenossen auch nicht ohne Streit zuging.
An Stelle des erkrankten Ortsgruppenleiters Carl Spiesecke leitete Pg. Goebel die Sitzung.
Jetzt, nachdem die Revolution durchgeführt sei, würde die Säuberung innerhalb der Partei vorgenommen.
Es hätte sich ein Meckertum und Stänkertum innerhalb der Ortsgruppen breit gemacht, welches immer alles besser wüßte und den Amtswaltern das Leben schwer machte.
Diese Volksgenossen könnten sich darauf gefaßt machen, aus der Partei ausgeschlossen zu werden.
In dem Bericht im Kreisblatt hieß es, die Ausführungen seien mit lautem Bravo quittiert worden.
Stahlhelm und Kirchenwahl
Am Montag, den 17. Juli leitete Ortsgruppenführer Regenstein den Monatsappell des Stahlhelms im Kettmannschen Lokal.
Die voranschreitende Gleichschaltung drückte sich in drei Tagesordnungspunkten aus.
Es wurde über die Zusammenarbeit des Jungstahlhelms mit der NSDAP gesprochen. Ab Juni waren Mitglieder des Stahlhelms bis 35 Jahren in die SA integriert.
Außerdem wurde die neue Grußform, der Hitlergruß oder deutsche Gruß, und die Grußpflicht zwischen SA, SS, Stahlhelm und ihren Führern bekanntgegeben.
Schließlich wurden evangelische Mitglieder des Stahlhelms aufgefordert, sich in die kirchliche Wählerliste eintragen zu lassen.
Am 23. Juli war Kirchenwahl. Die Glaubensbewegung Deutsche Christen, die von Hitler unterstützt wurde, strebte eine einheitliche staatliche Reichskirche an und identifizierte sich stark mit dem Nationalsozialismus.
Die Fahnenweihe der NSDAP
Ein Höhepunkt des Jahres 1933 für die Nationalsozialisten des Dorfes Ragösen war die Weihe ihrer neuen Fahne am Sonntag, den 13. August.
Um 6 Uhr ertönte im ganzen Dorf das militärische Signal Wecken.
Ab 9 Uhr spielte die Kapelle Großkopf aus Belzig schneidige Märsche. Eine Stunde später war Antreten zum Gottesdienst.
Am Nachmittag fand auf dem Festplatz am Kriegerdenkmal die Weihe der Fahne statt.
Kreisorganisationsleiter Pitsch aus Damsdorf hielt die Weiherede.
Hätte die graue Armee nicht mit ihren Leibern das Vaterland gedeckt und wären nicht die braunen Soldaten Adolf Hitlers blutend in den Staub gesunken, dann ständen wir heute nicht hier, um diese Fahnen mit dem Symbol des Dritten Reiches zu weihen.
Als die von Ehrenjungfrauen getragene Fahne enthüllt und geweiht wurde, übergab Pitsch sie einem Fahnenträger.
Halte das Banner in Ehren; sterbe lieber, ehe du es den Feinden überläßt. Nur über deine Leiche kann der Feind dir dieses Banner rauben!
Der Landrat in Ragösen
Gegen 15:30 Uhr erschien Landrat Hans-Christoph von Werder in Begleitung des Ortsgruppenführers von Belzig, Willi Grützeck.
Der Landrat ergriff das Wort.
Unser Tun und Lassen richte sich nach dem Willen unseres Führers Adolf Hitler. Er gäbe für alles das Tempo an.
Den Leuten, die immer alles besser wissen wollen, sage er: Behaltet nur euer Wissen für euch!
Den Meckerern und Superklugen könne er nur sagen, daß die Zeiten des Miesmachens vorbei seien. Miesmacher gehören ins Konzentrationslager.
Die Deutschen Christen
Die Glaubensbewegung Deutsche Christen hatte in der Ragösener Gemeinde viele Anhänger.
Als im August Vertreter für die Kreissynode gewählt wurden, fiel die Wahl auf die Parteigenossen Carl Spiesecke und Hermann Regenstein.
Der Ragösener Pfarrer Paul Bernhard war ein überzeugter Nationalsozialist und Kreisobmann der Deutschen Christen.
Am 17. September beim Kinderfest der Gemeinden Ragösen und Groß-Briesen wies der Pfarrer darauf hin, daß zum ersten Male außer der Kirchenfahne die Farben des neuen Reiches dem Zuge der Kinder vorangetragen worden seien.
Unser Volk rufe nach Führern. Der große Führer ist ihm erstanden in Adolf Hitler.
Die 160 Kinder beider Kindergottesdienste, die hier versammelt sind, halten treu zu diesem Führer, vor allem aber auch zu ihrem Führer Jesus Christus.
Auf der Oktober-Versammlung der Ortsgruppe der Deutschen Christen, die inzwischen auf 65 Mitglieder angewachsen war, plädierte Pfarrer Bernhard für den Wegfall der Sonnabend-Lustbarkeiten.
Taufen und Trauungen am Sonnabend waren bereits untersagt worden.
Luther-Jahr und Deutsche Christen
Im damaligen Luther-Jahr bezogen sich die Deutschen Christen gern auf Martin Luther.
Mit berechtigtem Stolz blicke das evangelische deutsche Volk auf seinen großen Reformator Luther, dem es deutsche Sprache, deutsche Bibel und Katechismus und deutschen Gemeindegesang verdanke.
Dieser Dreiklang stelle eine Verbindung mit dem deutschen Volke und seinem Führer Adolf Hitler her.
Der deutsche Luthertag am 19. November wurde in Ragösen mit einem Festgottesdienst begangen.
Pfarrer Bernhard nutzte den Anlaß, die neue Fahne der Ortsgruppe der Deutschen Christen zu weihen.
Das Symbol der neuen Fahne mit dem Christuskreuz und dem Hakenkreuz wolle die Verbundenheit von Staat und Kirche, von Evangelium und Drittem Reich darstellen.
Danach grüßte die Gemeinde die neue Fahne mit dem deutschen Gruß und sprach das Vaterunser.
Die Gleichschaltung der Vereine
Die Gleichschaltung im Dritten Reich sollte möglichst allumfassend sein.
Auch der letzte Verein im kleinsten Dorf mußte sich in die neue Ordnung fügen.
Mitte Oktober trafen sich der Männergesangsverein Lyra und der Turnverein zwecks Gleichschaltung. Im Dezember folgte der Kriegerverein.
Die Vereine standen vor der Wahl der Selbstauflösung oder der Anpassung, was dem Beitritt zu einem nationalsozialistischen Verband bedeutete.
Die gewählten Vorstände mußten ihre Ämter zur Verfügung stellen. Gemäß dem Führerprinzip wurden die neuen Vorstände nicht gewählt, sondern ernannt.
Beim Gesang- und Turnverein waren daher die alten Vorsitzenden auch die neuen, nur ernannt und daher gleichgeschaltet.
Sie hießen nun Führer.
Wahl und Volksabstimmung im November
Am 12. November fand eine Reichstagswahl sowie eine Volksabstimmung über die Politik des Führers statt.
Fünf Tage vor der Wahl veranstaltete die NSBO eine Wahlveranstaltung in Ragösen.
Der Redner war Pg. Goebel.
Keiner kannte die Seelennot des deutschen Arbeiters besser als Adolf Hitler.
Der Spuk ist weg, Ihr deutschen Arbeiter, der Nebel zerfetzt und ein Führer ist uns erstanden, den uns Gott gesandt.
Bei der Wahl gab es eine außerordentlich hohe Wahlbeteiligung, obwohl die NSDAP inzwischen die einzige Partei auf dem Wahlzettel war.
Amtlich gab es keine Gegenstimmen, lediglich einige wenige ungültige Stimmen.
Bund Deutscher Mädel
Die Frauen in Ragösen wurden ebenfalls nicht vergessen.
Am Donnerstag, den 28. November kam Fräulein Meisner von der Belziger Gruppe des Bundes Deutscher Mädel, um mit ihren Mädchen für neue Mitglieder zu werben.
Anfang Dezember gründete Fräulein Meisner eine Ortsgruppe des BdM in Ragösen.
Elf Mädchen traten dem Bund bei und M. Tietz wurde zur kommissarischen Führerin bestimmt.
Ragösen am Ende des Jahres 1933
Als das Jahr 1933 ausklang, war das Dorf Ragösen weitgehend gleichgeschaltet.
Zu einer Weihnachtsfeier hatte Ortsgruppenleiter Carl Spiesecke die SA, die NSBO mit Frau und Kind, den BdM und die NS-Frauenschaft eingeladen.
Der Weihnachtsmann verteilte Geschenke an die Kinder. Elf SA-Männer bekamen kleine Beträge, damit sie SA-Mäntel kaufen konnten.
Pastor Bernhard dankte Spiesecke dafür, daß er seit 1930 verstanden hatte, die Idee des Führers im Dorf Eingang zu verschaffen.
Am 19. Dezember war die Evangelische Jugend in die Hitlerjugend eingegliedert worden.
Die Jugend soll und muß eine frohe und stolze Zukunft haben, so will es der Führer.