Der erste nationalsozialistische Landrat
Im Juli 1933 trat Hans-Christoph von Werder im Kreise Zauch-Belzig die Nachfolge von Landrat von Bohne an. Zunächst war er kommissarischer Landrat; später wurde er als stellvertretender Landrat bezeichnet.
Dennoch führte er von Anfang an die Geschäfte des Kreises. Er war stolz darauf, der erste nationalsozialistische Landrat im Kreise Zauch-Belzig zu sein.
Herkunft und früheres Leben
Hans-Christoph von Werder wurde am 19. Dezember 1898 in Berlin geboren.
Im Ersten Weltkrieg diente er als Offizier und geriet in französische Kriegsgefangenschaft.
1923 heiratete er Sophie-Charlotte von Willich aus Caputh. Ihr Sohn Hans wurde 1927 in Caputh geboren.
Von Werder war staatlich geprüfter Landwirt.
Eintritt in die NSDAP
Als einziger Stahlhelmführer des Gaus Potsdam trat von Werder unter Einfluss des ehemaligen Hohenzollern-Kronprinzen August Wilhelm am 1. Mai 1930 der NSDAP bei.
August Wilhelm, der seit 1927 Mitglied des Stahlhelms gewesen war, war am 1. April 1930 in die NSDAP eingetreten.
Nach eigenen Angaben war von Werder als politischer Referent an höchster Stelle tätig und seit 1930 mit Adolf Hitler persönlich bekannt.
Seine Ernennung zum stellvertretenden Landrat verdankte er dem Einfluss des ehemaligen Kronprinzen.
Amtsführung und Propaganda
Die Amtsführung des neuen Landrats war von einer hohen persönlichen Präsenz in den Ortschaften des Kreises gekennzeichnet.
Er war viel unterwegs und schien sich, wie man in den Seiten des Zauch-Belziger Kreisblatts lesen kann, vor allem als oberster Propagandist der NSDAP im Kreise zu verstehen.
Fahnenweihe in Wiesenburg
Schon bei einem seiner ersten öffentlichen Auftritte, bei der Fahnenweihe der SA in Wiesenburg, lobte er Adolf Hitlers Kampf gegen Marxismus und Judentum.
Deutschlands Rettung könne nur durch Adolf Hitler erfolgen. Noch sei nicht alles getan und die Gegner des Nationalsozialismus müssten vernichtend geschlagen werden. Leben heiße Kampf.
Zauch-Belziger Kreisblatt, 15. August 1933
Fahnenweihe in Reetzerhütten
Nur wenige Tage später erklärte von Werder bei der Fahnenweihe in Reetzerhütten, dass der Nationalsozialismus Adolf Hitlers nicht nur einen Regierungswechsel bedeute, sondern eine neue Weltanschauung.
Er sprach von der harten Faust des Nationalsozialismus und erwähnte das Konzentrationslager in Oranienburg.
Bei der Feier zum Jubiläum der Schlacht bei Hagelberg am 27. August 1933 empfahl er Menschen, die mit dem neuen Regime nicht einverstanden waren, das Essen in Oranienburg zu probieren.
Pastor Rudolf Röhr bezeichnete von Werder später als das Großmaul Landrat.
Gegen Parlamentarismus und Liberalismus
Bei einer Feier im Landratsamt zur Einführung des neuen nationalsozialistischen preußischen Staatsrates begrüßte von Werder das Ereignis als das endgültige Ende des alten Parlamentarismus und Liberalismus.
Zauch-Belziger Kreisblatt, 16. September 1933
Erntedankfest 1933
Auf dem Erntedankfest im Oktober 1933 in Belzig sprach von Werder offen über die Gegner des Nationalsozialismus.
Er nannte Kommunisten, Sozialdemokraten, Demokraten und Reaktionäre und erklärte, dass diejenigen, die keine überzeugten Anhänger der NSDAP würden, schließlich im Konzentrationslager oder im Ausland landen könnten.
Verehrung Adolf Hitlers
Der Landrat lobte Adolf Hitler bei seinen öffentlichen Auftritten immer wieder.
Er sprach von Hitlers Selbstlosigkeit und Größe, seinen ehrlichen Absichten und bezeichnete ihn sogar als den Größten, der auf der Welt lebt.
Kritik an den Befehlen Hitlers bezeichnete er als Wahnwitz.
SA-Männer, Kreisleiter und Landräte betrachtete er als Soldaten des Führers.
Öffentliche Wirkung
Wenn man den damaligen Zeitungsberichten Glauben schenkt, kam von Werder bei vielen Zuhörern gut an.
Über eine Rede vom 18. Oktober 1933 bei einer öffentlichen Kundgebung für das Winterhilfswerk berichtete das Zauch-Belziger Kreisblatt, seine kraftvolle Art habe die Herzen der Zuhörer im Sturm gewonnen.
Der Wahlkampf im November 1933
Besonders aktiv war von Werder während des Wahlkampfes im November 1933.
Es wurde ein neuer Reichstag mit einer nationalsozialistischen Einheitsliste gewählt. Gleichzeitig sollte über die Politik Adolf Hitlers abgestimmt werden.
Von Werder war nahezu täglich unterwegs und sprach teilweise in zwei oder drei Ortschaften an einem einzigen Abend.
Am 4. November war er in Alttöplitz, am 6. November in Fredersdorf und Lübnitz, am 8. November in Kanin, am 9. November in Michendorf und Langerwisch und am 10. November in Mörz, Schalach und Lotschke.
Rede in Fredersdorf
Am 6. November erklärte von Werder in Fredersdorf, dass es für ihn keinen Unterschied zwischen Parteigenossen, SA-Männern, Amtswaltern und Landräten gebe.
Alle seien politische Soldaten und hätten die Pflicht, für Adolf Hitler zu kämpfen.
Er bezeichnete Hitler als den größten Deutschen seit undenkbaren Zeiten.
Wer bei der kommenden Abstimmung mit Nein stimme, sei nach seiner Darstellung ein Landesverräter. Dasselbe gelte für diejenigen, die nicht zur Wahl gingen.
Auftritt in Kanin
Am 8. November trat von Werder in Kanin auf. Gegen 21 Uhr betrat er den Saal und wurde mit stürmischen Heilrufen begrüßt.
Er erklärte, Geschichte werde von einzelnen Persönlichkeiten gemacht und Adolf Hitler sei eine Persönlichkeit, die der gesamten Zeit ihr Gepräge gebe.
Er forderte seine Zuhörer auf, sich zur nationalsozialistischen Weltanschauung zu bekennen.
Der 9. November 1933
Am Jahrestag des Hitler-Putsches von 1923 sprach von Werder in Michendorf.
Der Sonderberichterstatter des Zauch-Belziger Kreisblattes stellte ihn als politischen Soldaten dar, der die Befehle Hitlers in die Gemeinden des Kreises weitertrug.
Von Werder selbst erklärte immer wieder, auch als Landrat sei er nur ein Soldat Adolf Hitlers.
Das Jahr 1933 bezeichnete er als das Jahr der deutschen Revolution.
Die Abstimmung vom 12. November
Von Werder erklärte seinen Zuhörern, der 12. November müsse ein Bekenntnis für Adolf Hitler werden.
Die Kundgebung endete mit nationalsozialistischen Ritualen und dem Horst-Wessel-Lied.
Endgültige Ernennung zum Landrat
In seiner Sitzung am 25. Januar 1934 beschäftigte sich der Kreisausschuss des Kreises Zauch-Belzig mit der endgültigen Besetzung des Landratsamtes.
Die Wahl fiel einstimmig und ohne Debatte auf Hans-Christoph von Werder.
Im April 1934 ernannte der preußische Ministerpräsident Hermann Göring von Werder offiziell zum Landrat.
Von Werder erklärte, dass er das Amt weiterhin als politischer Soldat Adolf Hitlers führen wolle.
Gerüchtemacher im Kreis Zauch-Belzig
Seine Amtszeit sollte jedoch nur kurz dauern.
Am 9. Juni 1934 erschien im Zauch-Belziger Kreisblatt und am 12. Juni in der Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung ein Beitrag des Landrats.
Die Überschrift lautete:
Achtung! Gerüchtemacher auch im Kreise Zauch-Belzig. Ein ernstes und deutliches Wort des Landrats Pg. v. Werder.
Von Werder behauptete darin, im Kreis seien Gerüchtemacher und politische Brunnenvergifter verschiedener Richtungen tätig.
Er kündigte an einzugreifen, sobald das Ansehen der NSDAP und des nationalsozialistischen Staates dies erfordere.
Feinde des nationalsozialistischen Staates wollte er nach seinen eigenen Worten unschädlich machen.
Konflikt innerhalb der NSDAP
Innerhalb der NSDAP wurde von Werders Zeitungsbeitrag kritisch aufgenommen.
Der Gauinspekteur des Kreises Zauch-Belzig, Landrat von Hirz aus Jüterbog, leitete den Beitrag an den Gauleiter des Gaues Kurmark, Wilhelm Kube, weiter.
Kube wandte sich daraufhin an Rudolf Heß, den Stellvertreter Hitlers.
Aus seiner Darstellung ging hervor, dass von Werder mit dem zuständigen Kreisleiter Tittmann in einem scharfen Konflikt stand.
Kube verwies gleichzeitig auf von Werders einflussreiche Beziehungen innerhalb der Partei und zum Hohenzollern-Haus.
Das Oberste Parteigericht
Am 20. Juni wurde das Schreiben Kubes zusammen mit dem Zeitungsbeitrag an das Oberste Parteigericht in München weitergeleitet.
Der Oberste Parteirichter Walter Buch hielt von Werders Veröffentlichung ebenfalls für unnötig.
Er sah darin Selbstbeweihräucherung und Eitelkeit, hielt jedoch ein parteigerichtliches Verfahren für übertrieben.
Offenbar handelte es sich um einen innerparteilichen Machtkampf, dessen Einzelheiten heute nur schwer vollständig nachzuvollziehen sind.
Hans-Christoph von Werder ging daraus als Verlierer hervor.
Das Ende seiner Amtszeit
Mitte des Jahres 1934 war von Werder nicht mehr im Amt.
Die letzte veröffentlichte amtliche Mitteilung, die seinen Namen als Landrat trägt, stammt vom 27. Juni 1934.
Danach wurde er in der staatlich gelenkten Presse nicht mehr erwähnt.
Es gab weder eine öffentliche Erklärung, warum er aus dem Amt ausgeschieden war, noch eine unmittelbare Mitteilung darüber, dass er überhaupt nicht mehr Landrat war.
Sein Nachfolger
Mitte Dezember berichtete die Belzig-Reetz-Wiesenburger Zeitung über seinen Nachfolger.
Dabei wurde festgestellt, dass der Kreis Zauch-Belzig bereits seit längerer Zeit ohne Landrat gewesen sei.
Nachfolger wurde Dr. Böge, zuvor Landrat des Kreises Flatow.
Am 2. Januar 1935 wurde Böge im Beisein der Kreisleitung der NSDAP in sein Amt eingeführt.
Erinnerungen von Pastor Rudolf Röhr
Pastor Rudolf Röhr schrieb später in seinen Memoiren, dass der erste nationalsozialistische Landrat von Belzig nicht lange regiert habe.
Röhr berichtete von finanziellen Schwierigkeiten von Werders und verschiedenen Vorfällen, die zu seinem schlechten Ruf beigetragen hätten.
Nach Röhrs Darstellung hätten seine Eltern aus Caputh schließlich eine Schiffskarte gekauft und ihn von Hamburg aus in die USA geschickt.
Spätere Spuren
Sollte die Darstellung über seine Reise in die USA stimmen, blieb von Werder dort offenbar nicht dauerhaft.
Aus der Meldekartei geht hervor, dass Hans-Christoph von Werder am 17. April 1937 von Potsdam nach Caputh zog.
Im September 1942 wohnte er in Berlin, Burggrafenstraße 6.
Letzter Hinweis aus dem Jahr 1944
In einem Schreiben des Gauschatzmeisters der Gauleitung Berlin an die Reichsleitung der NSDAP vom 14. Juni 1944 findet sich zu Hans-Christoph von Werder der Vermerk:
Werder, Hans Christoph von, Mitgl. Nr. 242 962 (durch Feindeinwirkung).
Damit bleibt die Frage offen, ob der ehemalige Landrat möglicherweise durch einen alliierten Bombenangriff ums Leben kam.