Der Dorflehrer von Reetz
Fünfunddreißig Jahre war Hermann Gottschalk Hauptlehrer in Reetz. Kein anderer Mensch hatte im 20. Jahrhundert einen so großen Einfluß auf die Reetzer.
Sein Einfluß beruhte aber nicht nur auf seiner Stellung als Lehrer. Gottschalk diente auch viele Jahre als Küster – unter fünf Pfarrern –, leitete den Chor, war Gemeinderat, Festredner und schließlich Ortsgruppenleiter der NSDAP.
Kindheit und Ausbildung
Hermann Gottschalk wurde am 16. Juli 1885 in Loegow, Kreis Ruppin, geboren.
Seit dem Herbst 1900 besuchte er die Präparanden-Anstalt in Kyritz und ab Herbst 1904 das Königliche-Evangelische Schullehrer-Seminar in Kyritz.
Seine Ausbildung wurde durch seinen Militärdienst unterbrochen.
Vom 1. Oktober 1905 bis zum 30. September 1906 diente er in der 8. Kompagnie des Infanterie-Regiments Großherzog Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin (4. Brandenburgisches) Nr. 4.
Er quittierte den Dienst als Unteroffizier.
Seine zweite Lehrer-Prüfung bestand er am 29. Oktober 1908.
Danach erhielt er seine erste Anstellung in Grubo. 1910 bekam er die Stelle als Schulleiter in Reetz und heiratete Margarete Dossmann aus Neuehütten.
Festredner und Lehrer
Von Anfang an war Gottschalk als Festredner gefragt.
Im März 1913 hielt er bei einer Gedenkfeier zum Befreiungskrieg gegen Napoleon eine „zündende Ansprache“.
Später im selben Jahr gedachte er im Anschluss an ein Kinderfest in einer Rede „unseres allgeliebten Kaisers“.
Der Erste Weltkrieg
Im August 1914 wurde der Reservist Gottschalk erneut zum Militär eingezogen.
Nach dem Krieg kehrte er nach Reetz zurück und trat der SPD bei.
Reetz hatte bereits vor dem Krieg im Vergleich zur übrigen Brandtsheide überdurchschnittlich viele SPD-Wähler.
Bei den ersten Wahlen nach dem Krieg stimmten etwa zwei Drittel der Reetzer sozialdemokratisch.
Die Einwohnerwehr
Im politisch unsicheren ersten Jahr nach dem Krieg regte die preußische Regierung die Bildung von Einwohnerwehren an.
Am 19. September 1919 hielt Reichswehrhauptmann von Ledebur einen Vortrag in Reetz.
Anschließend wurde eine Einwohnerwehr für Reetz und Mahlsdorf mit 62 Mitgliedern gegründet.
Hermann Gottschalk übernahm deren Leitung.
Kirchenmeister
Nach dem Krieg kam es zunächst zu einem Konflikt zwischen Pfarrer und Küster.
Gottschalk verweigerte mehrfach seinen Dienst als Kantor. Später klärte sich das Verhältnis jedoch wieder.
Im Dezember 1922 ernannte ihn der Gemeindekirchenrat zum Kirchenmeister.
Das neu geschaffene Amt sollte den Pfarrer von organisatorischen Aufgaben entlasten, damit dieser sich stärker der Seelsorge widmen konnte.
Ein strenger, aber guter Lehrer
Ältere Reetzer erinnerten sich an Hermann Gottschalk als einen strengen, aber guten Lehrer.
Martha Fricke erinnerte sich:
Wenn der morgens in die Klasse kam und sich ans Fenster stellte und seine Brille putzte, dann hat sich jeder schon zusammengenommen. Der war streng, aber gelernt haben wir bei dem.
Alfred Wernicke sagte:
Er war ein Mensch, der streng war, aber gerecht. Damals hat es noch Prügel gegeben. Wenn die Jungs was ausgefressen haben, dann hat er gesagt: Geh mal raus – da war ein Haselnußstock – die Röhre kannst du selber aussuchen.
Auch an eine andere Eigenschaft des Lehrers erinnerten sich viele Einwohner.
Elli Kühne berichtete:
Wenn er abends einen getrunken hat, dann stand er da morgens und sagte: Kinder, wieder hat er mächtig eins getrunken.
Verbundenheit mit der Dorfschule
Gottschalk war ein überzeugter Dorflehrer.
Mehrere Angebote, an größere Schulen zu wechseln und dort mehr zu verdienen, lehnte er ab.
Um die Ausbildung seiner Töchter zu finanzieren, führte er nebenbei die Sparkasse.
Auch diese Tätigkeit verband er mit dem Unterricht.
Helene Friedrich erinnerte sich:
Es mußte damals alles mit der Hand in seinen Büchern zusammengerechnet werden. Dann hat er uns die Zahlen von den Sparkassenbüchern an die Tafel geschrieben. Das haben wir nebenbei auch noch zu Hause ausgerechnet, aber bloß die besten. Und dadurch hat man mächtig rechnen gelernt.
Die Machtübernahme 1933
Am 30. Januar 1933 wehte die Hakenkreuzfahne erstmals in Reetz vom Giebel der Schule.
Gottschalk stand am Pult, als zwei junge Männer in SA-Uniform das Klassenzimmer betraten und „Heil Hitler“ riefen.
Sie verlangten, die republikanische Fahne zu entfernen und ihre eigene Fahne zu hissen.
Gottschalk, der Sozialdemokrat war und von Hitlers Ernennung zum Reichskanzler noch nichts wusste, verweigerte dies.
Tun Sie, was Sie nicht lassen können.
Daraufhin holten die beiden von Frau Gottschalk den Schlüssel zum Dachboden und hissten die Fahne selbst.
Eintritt in NS-Lehrerbund und NSDAP
Wie viele andere Lehrer stand Hermann Gottschalk nun vor der Frage, wie er seinen Beruf unter dem neuen Regime weiterführen konnte.
Am 11. April 1933 trat er dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei.
Wenige Wochen später, am 5. Mai, wurde er Mitglied der NSDAP.
Auch Gemeindevorsteher Franz Wernicke trat zu dieser Zeit der Partei bei.
Aufstieg innerhalb der NSDAP
Gottschalk wurde Schulungsleiter des NSDAP-Stützpunktes Reetzerhütten, zu dem die Reetzer Parteimitglieder zunächst gehörten.
Als Reetz im Februar 1935 ein eigener Stützpunkt wurde, übernahm Gottschalk dessen Leitung.
Nach einer Reorganisation der Parteistruktur wurde er 1938 Ortsgruppenleiter.
Gleichzeitig blieb er Schulungsleiter.
Seine Frau Margarete leitete die etwa 120 Mitglieder starke NS-Frauenschaft.
Lehrer und Politik
Pfarrer Rudolf Röhr schrieb später:
Die Politik bemächtigte sich der Schulen und setzte die Lehrer besonders auf den Dörfern als geeignete Sturm- und Rammböcke für die neue Weltanschauung ein. Die Lehrer kamen in große Gewissenskonflikte, verloren ihre Anstellung oder wurden die Könige und Tyrannen ihrer Dörfer.
Bekannt dafür seien unter anderem die Lehrer in Schlamau, Reetz und Benken gewesen.
Öffentliche Reden für das Regime
Gottschalk vertrat zunehmend öffentlich die Politik der NSDAP.
Im Juli 1934 kritisierte er beispielsweise den Versailler Friedensvertrag als Schandfrieden.
In einem Bericht über eine seiner Reden hieß es:
Eingehend erläuterte der Redner, mit wieviel Haß und Lüge uns dieser Frieden diktiert wurde. Wie man unser deutsches Vaterland zerstückelte und wie wir bezahlen mußten.
Den Nationalsozialismus stellte er gleichzeitig als Mittel zur Wiederherstellung deutscher Gleichberechtigung und Ehre dar.
Antikommunismus
Im November 1935 hielt Gottschalk eine Rede über den Kommunismus.
Darin stellte er die Sowjetunion als von Terror, Mord und Gottlosigkeit geprägt dar und präsentierte den Nationalsozialismus dagegen als Ordnungsmacht.
Deutschland ist eine Insel der Ordnung.
Der Führerkult
Gottschalk verbreitete auch den Personenkult um Adolf Hitler.
Im März 1935 erklärte er:
Wie der Führer zu der Nation, so müsse die ganze Nation geschlossen hinter ihm stehen. Jeder Deutsche muß den Glauben an den Führer haben.
Einen Monat später sagte er:
In Liebe und Treue wollen wir alle hinter dem Führer stehen und unsere Treue in der Tat beweisen.
Rassenpolitische Propaganda
Im November 1935 besuchten Schulkinder aus Reetz, Reetzerhütten und Reppinichen die Rassenpolitische Wanderausstellung des Gaues Kurmark der NSDAP.
Gottschalk sprach bei diesem Anlass über die nationalsozialistische Rassenpolitik.
Bereits im selben Jahr hatte er Verständnis für Orte geäußert, die jüdischen Menschen den Aufenthalt verweigerten.
In Reetz selbst lebten jedoch Israel Rabinowitsch und dessen Kinder.
Rabinowitsch war evangelisch getauft und Gottschalk kannte ihn persönlich.
Seine Kinder gingen bei Gottschalk zur Schule und berichteten später, dort keine Nachteile erfahren zu haben.
Ortsgruppenleiter und Hoheitsträger
Als Ortsgruppenleiter war Hermann Gottschalk ein sogenannter Hoheitsträger der NSDAP.
Er war für die politische Schulung der Parteimitglieder und Funktionäre verantwortlich.
Gleichzeitig sollte er die politische Lage in seinem Bereich beobachten.
Zu seinen Aufgaben gehörte es, durch Veranstaltungen die Bevölkerung nationalsozialistisch auszurichten.
Außerdem sollten Informationen über die politische Zuverlässigkeit der Einwohner gesammelt werden.
Der Zweite Weltkrieg
Den am 1. September 1939 begonnenen Krieg bezeichnete Gottschalk entsprechend der damaligen Propaganda als Freiheitskampf.
Der Krieg stellte ihn jedoch bald vor neue Aufgaben.
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion häuften sich die Todesmeldungen aus Reetz.
Einige der ersten gefallenen Soldaten waren ehemalige Schüler Gottschalks.
Nach Zeugenaussagen trafen ihn diese Nachrichten schwer.
Als Ortsgruppenleiter musste er die Familien persönlich über den Tod ihrer Angehörigen informieren.
Die Schule während des Krieges
Auch für die Schule waren die Kriegsjahre schwierig.
Mehrmals wurden neue Lehrer zugeteilt, die jedoch bereits zur Wehrmacht eingezogen waren und deshalb nie erschienen.
Die Hauptlast fiel auf den inzwischen 56-jährigen Hermann Gottschalk.
Zeitweise musste er bis zu 70 Kinder gleichzeitig unterrichten.
Ab November 1942 kamen zusätzlich Kinder aus Reetzerhütten mit Lehrer Ziegener nach Reetz.
Die beiden Lehrer waren nun für insgesamt 165 Kinder verantwortlich.
Wegen des Arbeitskräftemangels half Gottschalk auch selbst auf den Feldern.
Manchmal fiel Unterricht aus, damit Lehrer und Schüler gemeinsam bei der Ernte helfen konnten.
Flüchtlinge im Jahr 1945
Im Januar 1945 kamen 152 Flüchtlinge aus dem bombenzerstörten Düren bei Köln nach Reetz.
Gottschalk musste als Ortsgruppenleiter ihre Unterbringung organisieren.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee kamen weitere Flüchtlinge aus dem Osten.
Insgesamt trafen 185 Männer, Frauen und Kinder aus den Ostgebieten ein.
Die letzten Kriegstage
Als die Front näher rückte, wurde auch die Reetzer Schule geräumt.
Sie sollte als Lazarett dienen.
Werner Friedrich erinnerte sich:
Die Schule haben wir ausgeräumt. Da sollte ein Lazarett rein. Der eine Schüler hat gelacht und sich gefreut. Da hat Gottschalk gesagt: Das wird traurig, da ist nichts zum Lachen bei.
Die Rote Armee erreicht Reetz
Am 4. Mai 1945 erreichte die Rote Armee Reetz.
Werner Rabinowitsch erinnerte sich:
Am 4. Mai kamen die Russen, um 4 Uhr früh. Um etwa 9 rief mich einer zur Schule und da stand ein Panzer vor der Schule. Die wollten Gottschalk holen und ihn aufhängen. Der war weg.
Erste Verhaftung
Nach dem Ende der Kampfhandlungen wurden mehr als 30 Reetzer Männer festgenommen.
Unter ihnen befand sich auch Hermann Gottschalk.
Nach einiger Zeit kam er wieder frei.
Bereits vor Kriegsende hatte seine Familie versucht, ihn zur Flucht zu bewegen.
Nach seiner Freilassung versuchte seine Frau erneut, ihn zum Verlassen des Ortes zu bewegen.
Gottschalk fuhr tatsächlich mit dem Fahrrad weg, kehrte jedoch bereits am folgenden Tag zurück.
Seine Tochter Ursula Kern erinnerte sich an seine Worte:
Ich kann hier nicht weg und wo soll ich hin und ich habe nichts verbrochen.
Nach dem Zusammenbruch
Gottschalk glaubte zunächst, nach seiner Freilassung sicher zu sein.
Er arbeitete mit der sowjetischen Besatzungsmacht, die ihn zum Quartalsältesten ernannte.
Am 25. Juni wurde er jedoch bis zur endgültigen Regelung als Lehrer entlassen.
Ulla Friedrich erinnerte sich an eine Begegnung kurz nach dem Krieg:
Nach 45 – die Russen waren schon da – haben wir Herrn Gottschalk auf der Straße gesehen. Aus Angst sagten wir Heil Hitler.
Herr Gottschalk hat uns herüber gebeten und gesagt: Liebe Kinder, es hat sich was geändert. Wenn ihr mich jetzt trefft, braucht ihr nicht mehr Heil Hitler zu sagen.
Die zweite Verhaftung
Hermann Gottschalk wurde später erneut verhaftet.
Während eines Besuches bei seiner Schwägerin in Wiesenburg erschienen Männer in Zivil und nahmen ihn mit.
Der herzkranke Gottschalk kam in das Lager Ketschendorf.
Dort starb er wahrscheinlich im Juni 1946.
Erst 1948 erfuhr seine Familie durch einen Neffen, der ebenfalls in Ketschendorf gewesen war, von seinem Tod.
Hermann Gottschalk wurde 63 Jahre alt.
Das Schicksal seiner Familie
Margarete Gottschalk musste das Schulhaus räumen.
Sie zog zunächst zu ihrer Schwester nach Wiesenburg und später zu ihren Kindern nach Westdeutschland.
Jahrelang hoffte sie, ihr Mann könne möglicherweise noch leben.
Sie starb 1958.
Erst 1961 konnte der Suchdienst des Roten Kreuzes den Tod Hermann Gottschalks bestätigen.