Erinnerung in Reetz
In der Reetzer Kirche hängt eine Gedenktafel für die Gefallenen und Vermißten des Zweiten Weltkrieges.
Der erste Name, der darauf zu lesen ist, lautet Israel Rabinowitsch.
Er fiel allerdings nicht für Führer, Volk und Vaterland.
Israel Rabinowitsch wurde ermordet.
Taufe und Heirat
Am 14. Juni 1922 wurde Rabinowitsch in der Reetzer Kirche getauft.
Im Kirchenbericht hieß es:
Es ereignete sich der seltene Fall, daß ein Erwachsener zum evangelischen Glauben übertrat und getauft wurde.
Am Heiligen Abend desselben Jahres heiratete er in der Reetzer Kirche Marie Anna Schuster.
Herkunft und Kriegsgefangenschaft
Israel Rabinowitsch wurde am 9. September 1893 in Borosna, Kreis Tschernigow, in der Ukraine geboren.
Seine Eltern waren der Händler Salomon Rabinowitsch und Rachel Lea Rabinowitsch, geborene Wiboyschik.
Die Familie hatte sieben oder acht Kinder.
Als Soldat der russischen Armee geriet Rabinowitsch bereits am 28. August 1914 während der Schlacht bei Tannenberg in deutsche Kriegsgefangenschaft.
Er musste im Kohlenbergwerk in Schornewitz in der Lausitz arbeiten.
Im August 1918 kam er als Kriegsgefangener in die Brandtsheide und arbeitete im Sägewerk am Bahnhof Wiesenburg.
Ein neues Leben in Reetz
Am 4. Mai 1921 wurde Rabinowitsch aus der Kriegsgefangenschaft entlassen.
Er entschied sich, in Reetz zu bleiben.
Zunächst arbeitete er auf dem Hof des Gemeindevorstehers Franz Wernicke.
Dort lernte er seine spätere Frau kennen, die ebenfalls auf dem Hof beschäftigt war.
Nach der Hochzeit verließen beide den Hof Wernicke.
Arbeit und Familie
Israel Rabinowitsch arbeitete anschließend im Sägewerk und in der Ziegelei von Richard Senst als Maschinist.
Außerdem wurde er Mitglied des Deutschen Holzarbeiter-Verbandes.
Anna Rabinowitsch arbeitete weiterhin saisonweise bei Wernickes.
Das Geld reichte jedoch nicht aus, um die wachsende Familie zu versorgen.
Deshalb fuhr Rabinowitsch nach Zerbst, um Bekleidungsstücke einzukaufen und sie in Reetz weiterzuverkaufen.
Die Speisekammer des Hauses wurde dabei zu einem kleinen Laden.
Später fing Rabinowitsch Maulwürfe und verkaufte deren Felle in Zerbst.
Um ihre fünf Kinder Klara, Werner, Alfred, Willi und Elli zu ernähren, pachtete die Familie einige Morgen Land und hielt Schweine.
Israel im Dorf
Viele ältere Reetzer erinnerten sich später an Israel Rabinowitsch, der im Dorf allgemein einfach Israel genannt wurde.
Er wurde als unauffällig, still, lebenslustig und gutmütig beschrieben.
Er trank gern, spielte aber noch lieber Karten.
Fast jeden Abend ging er in die Gaststätte Galle in der Zerbster Straße, um dort Karten zu spielen.
Vereinsleben und Integration
Rabinowitsch war Mitglied im Schützenverein und im Radfahrerverein.
Sein Versuch, dem Kriegerverein beizutreten, scheiterte daran, dass er während des Ersten Weltkriegs in der russischen Armee gedient hatte.
Dennoch war er weitgehend in das Dorfleben integriert.
Er leistete Handdienste, half bei Beerdigungen und nahm an Vereinsfesten teil.
Viele Einwohner betrachteten ihn eher als Russen denn als Juden.
Hilfsbereitschaft
Besonders häufig wurde später seine Hilfsbereitschaft erwähnt.
Als bei Bauarbeiten ein Graben einstürzte und einen Mann verschüttete, wollte zunächst niemand in den gefährlichen Graben steigen.
Rabinowitsch tat es dennoch und rettete dem Mann das Leben.
Auch andere unangenehme Aufgaben übernahm er, wenn seine Hilfe gebraucht wurde.
Das Verhältnis zu Richard Senst
Seinem Arbeitgeber Richard Senst gegenüber war Rabinowitsch offenbar besonders loyal.
Ein Zeitzeuge beschrieb ihr Verhältnis mit den Worten, Rabinowitsch wäre für Senst durch Feuer gegangen.
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich Rabinowitschs Lage grundlegend.
Obwohl er evangelisch getauft war, galt er nach der nationalsozialistischen Rassenideologie weiterhin als Jude.
Zudem war er Ausländer.
Ein bereits 1932 gestellter Antrag auf Einbürgerung war nicht bearbeitet worden.
Nach der Machtübernahme ordnete das Reichsinnenministerium an, sogenannte Ostjuden nicht mehr einzubürgern.
Die gesamte Familie galt damit als staatenlos.
Versuche der Anpassung
Manche Einwohner erinnerten sich, dass Rabinowitsch versuchte, als guter Deutscher wahrgenommen zu werden.
Er meldete seinen Sohn Werner beim Jungvolk und seine Tochter Klara beim Bund Deutscher Mädel an.
Beide wurden später aus diesen Organisationen entfernt.
Noch zu Weihnachten 1934 erhielt die kinderreiche Familie einen Hasen von der NS-Wohlfahrt.
Die Nürnberger Gesetze
Nach Inkrafttreten der Nürnberger Rassegesetze verschlechterte sich die Situation der Familie weiter.
Israel Rabinowitsch musste seine Anwesenheit täglich beim Amtsvorsteher melden.
Dem Ehepaar wurde nahegelegt, sich scheiden zu lassen.
Beide lehnten dies ab.
Ihren Kindern, die von den Nationalsozialisten als Halbjuden eingestuft wurden, wurde die Berufsausbildung erschwert beziehungsweise untersagt.
Ausschluss aus dem Dorfleben
Etwa 1938 spielte Rabinowitsch wie gewohnt in der Gaststätte Galle Karten.
Gegen 22 Uhr betrat der Ortsgruppenleiter von Reetzerhütten das Lokal und fragte:
Wer spielt hier noch mit Juden?
Die Spieler ließen ihre Karten fallen. Rabinowitsch stand auf und verließ das Lokal.
Danach erhielt er Hausverbot in den Gaststätten des Ortes.
Auch aus den Vereinen wurde er ausgeschlossen.
Der Vorschlag zur Auswanderung
Noch vor dem Krieg schlug Richard Senst der Familie vor, auszuwandern.
Sensts Bruder Karl lebte in São Paulo in Brasilien und wollte nach Deutschland zurückkehren.
Die Familie Rabinowitsch hätte sein Haus in Brasilien übernehmen können.
Anna Rabinowitsch lehnte ab.
Ich bleibe hier, wo ich geboren bin, und ich gehe in kein fremdes Land und dann übers Wasser.
Israel Rabinowitsch antwortete:
Wo meine Familie bleibt, da bleibe auch ich.
Verlust der Aufenthaltserlaubnis
Am 13. April 1939 teilte der Landrat des Kreises Zauch-Belzig Rabinowitsch mit, dass seine Aufenthaltserlaubnis für das Deutsche Reich am 31. März 1939 erloschen sei.
Eine neue Aufenthaltserlaubnis werde aus allgemeinen staatspolitischen Erwägungen nicht erteilt.
Eine Beschwerde wurde am 16. Juni 1939 abgewiesen.
Ihm wurde die zwangsweise Abschiebung angedroht, falls er das Reichsgebiet bis zum 1. September nicht verlassen hätte.
Gescheiterte Auswanderung
Nun versuchte Rabinowitsch selbst auszuwandern.
Ein Brief an seine Eltern in der Sowjetunion kam als nicht zustellbar zurück.
Auch die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland konnte ihm nicht weiterhelfen.
Offenbar verhinderte der Kriegsausbruch zunächst seine Abschiebung.
Benachteiligung während des Krieges
Nach Einführung der Lebensmittel- und Kleiderkarten wurde die Familie zusätzlich benachteiligt.
Anna Rabinowitsch erhielt keine regulären Karten.
Die Kinder bekamen besondere Karten, mit denen sie weniger Lebensmittel beziehen konnten.
Verwandte und Freunde unterstützten die Familie.
Privilegierte Mischehe
Israel Rabinowitsch musste keinen gelben Judenstern tragen.
Er lebte in einer sogenannten privilegierten Mischehe, da seine Frau nach nationalsozialistischer Definition als Arierin galt und die fünf Kinder evangelisch getauft waren.
Dennoch erhielt Rabinowitsch wiederholt Vorladungen von der Gestapo in Potsdam.
Richard Senst versuchte mehrfach, ihn zu schützen.
Die verweigerte Raucherkarte
Im Februar 1942 beantragte Richard Senst beim Wirtschaftsamt eine Raucherkarte für seinen Mitarbeiter Rabinowitsch.
Die Antwort lautete:
Ihrem Antrag vom 9. ds. Mts. auf Ausstellung einer Raucherkarte für den Arbeiter Israel Rabinowitsch kann ich leider nicht entsprechen, da es sich um einen Juden handelt.
Der Versuch, zur Wehrmacht zu gehen
Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion versuchte Rabinowitsch sogar, sich freiwillig als Dolmetscher bei der Wehrmacht zu melden.
Offenbar hoffte er, dadurch sich und seine Familie schützen zu können.
Eine falsche Anschuldigung
Eines Tages schlug ein Reetzer vor, Unterschriften gegen Rabinowitschs Ausweisung zu sammeln.
Rabinowitsch lehnte dies ab und sprach mit niemandem darüber.
Drei Tage später erschien dennoch die Polizei an seinem Arbeitsplatz und beschuldigte ihn, eine solche Unterschriftensammlung organisiert zu haben.
Die Gestapo-Vorladung
Am 8. März 1943 wurde Israel Rabinowitsch von der Gestapo Potsdam schriftlich aufgefordert, sich wegen einer persönlichen Angelegenheit in der Priesterstraße 13 zu melden.
Dieses Mal bat er seinen Arbeitgeber nicht, noch einmal für ihn nach Berlin zu fahren.
Er befürchtete, dass Richard Senst und dessen Familie dadurch selbst gefährdet würden.
Israel Rabinowitsch kehrt nicht zurück
An dem Tag seiner Fahrt nach Potsdam tagte die Reetzer Ortsgruppe der NSDAP im Parteilokal direkt gegenüber vom Haus der Familie Rabinowitsch.
Israel Rabinowitsch kam nicht zurück.
Besuche in Potsdam
Nach etwa vier Wochen erhielt Anna Rabinowitsch eine Karte von ihrem Mann.
Die beiden ältesten Kinder, Klara und Werner, besuchten ihn in Potsdam.
Klara erinnerte sich:
Mein Bruder und ich, wir waren mal da, haben mit ihm gesprochen, aber unter Kontrolle. Wir konnten ihm nicht die Hand geben.
Sie brachten Lebensmittel mit, wussten jedoch nicht, ob ihr Vater diese tatsächlich erhielt.
Verschwunden
Mitte Mai besuchte Werner Rabinowitsch seinen Vater erneut.
Er durfte ihn sehen, aber nicht mit ihm sprechen.
Als Werner Ende Mai zum dritten Mal kam, wurde ihm mitgeteilt, sein Vater sei nicht mehr dort.
Richard Sensts letzter Versuch
Richard Senst setzte sich nochmals bei der Gestapo für Rabinowitsch ein.
Werner Rabinowitsch erinnerte sich:
Man hat ihn bedroht, wenn er sich weiter einsetzt für meinen Vater, daß er dann auch verschwindet.
Auschwitz
Später erhielt die Familie eine Karte aus Auschwitz.
Darin stand lediglich, dass es Israel Rabinowitsch gut gehe.
Die Familie wollte ihn besuchen.
Die Antwort lautete sinngemäß, wenn die Kinder sich ihm anschließen wollten, könnten sie kommen.
Die Todesnachricht
Anfang Oktober 1943 erhielt Anna Rabinowitsch eine Nachricht von der Kommandantur des Konzentrationslagers Auschwitz.
Darin wurde behauptet, ihr Mann sei am 14. September an den Folgen von Herzschwäche bei Darmkatarrh gestorben.
Seine Leiche sei am 18. September im staatlichen Krematorium eingeäschert worden.
Elli Renner erinnerte sich:
Wir wußten damals nicht, was Auschwitz bedeutete.
Die Familie nach seinem Tod
Anna Rabinowitsch blieb mit drei schulpflichtigen Kindern zurück.
Die Großfamilie und einige Reetzer unterstützten sie.
Anna arbeitete weiterhin saisonweise bei Franz Wernicke.
Die jüngeren Kinder gingen dort häufig ein und aus und erhielten dort auch Essen.
Nachkriegszeit
Bei der Bodenreform erhielt Anna Rabinowitsch einen Hektar Land.
1949 wurde der Familie die deutsche Staatsangehörigkeit anerkannt.
1958 brachte Anna Rabinowitsch ihren Hektar Land in die erste in Reetz gegründete LPG Freie Brandtsheide ein.
Sie starb 1989 im Alter von 95 Jahren.