Karl Manoury

1894–1966

Herkunft und Kindheit

Karl August Eugen Manoury gehörte zur siebenten Generation einer Familie von Hugenotten, die 1686 im Dorf Groß Ziethen angesiedelt worden war.

Diese Herkunft prägte sein Leben.

Der Sohn des Vizewachtmeisters beim Dragonerregiment Nr. 2 und Brückenaufsehers August Manoury wurde am 2. November 1894 in Schwedt an der Oder geboren.

Studium und Erster Weltkrieg

Im Frühjahr 1914 legte Manoury sein Abitur am Schwedter Hohenzollerngymnasium ab und begann im Sommersemester mit dem Studium der Theologie in Berlin.

Am 6. Mai wurde er in die französisch-reformierte Gemeinde zu Berlin und in das Séminaire de Théologie aufgenommen.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges meldete sich der Student am 3. August freiwillig zur Armee.

Er diente in einem Kavallerieregiment in Russland und wurde zum Unteroffizier befördert.

Im Juni 1915 wurde Manoury verwundet. Nach seiner Genesung galt er als nicht mehr felddienstfähig.

Den Rest des Krieges verbrachte er als Militärbeamter.

Nach seiner Entlassung aus dem Heeresdienst am 14. März 1919 nahm er sein Theologiestudium wieder auf.

Neben theologischen Veranstaltungen besuchte er auch religionsphilosophische, historische, heimatkundliche und kirchenmusikalische Lehrveranstaltungen.

Der Weg ins Pfarramt

Zwischen August 1921 und Juli 1923 war Manoury Leihvikar in Prenzlau.

Vom 1. November 1922 bis zu seiner Ordination am 18. Februar 1923 diente er als Hilfsprediger in Bagemühl in der Uckermark.

Dort lernte er seine spätere Frau Ilse Karsunky kennen.

Nach weiteren Anstellungen als Hilfsprediger in Annahütte und Niemegk trat er seine erste Pfarrstelle in Reetz an.

Pfarrer in Reetz

Am 11. Februar 1925 hielt Manoury in der alten Feldsteinkirche in Reetz seine Antrittspredigt zu 1. Korinther 13, 1–3.

Am 1. März wurde er in sein Amt eingeführt.

Knapp sechs Wochen später, am 16. April, heiratete er.

Das Paar hatte drei Kinder: Karl, Enzio und Esther. Alle drei wurden in Reetz geboren.

Ein Pfarrer für die Menschen

Sein Freund Otto Leutke erinnerte sich an die Zeit Manourys in Reetz.

Die Nöte und Sorgen, das äußere und innere Leben seiner Gemeindemitglieder, all dies blieb ihm nicht fremd. Er verstand es, wirklich zuzuhören, er wurde einer der ihren.

Manoury bewältigte seinen weitläufigen Pfarrsprengel mit dem Fahrrad.

Nach der Erinnerung Leutkes kam er auch mit schwierigen Situationen selbstständig zurecht und entwickelte ein enges Verhältnis zu seiner Gemeinde.

Interessen und Persönlichkeit

Manoury hatte zahlreiche Interessen, die für einen Geistlichen ungewöhnlich erscheinen konnten.

Als junger Mann war er Ringer und Mitglied eines Turnvereins. Er interessierte sich stark für Militärgeschichte und sammelte alte Waffen.

Besonders bekannt war seine Sammlung von etwa 35.000 Zinnsoldaten, die er teilweise selbst bemalte.

Seine Bibliothek enthielt umfangreiche Bestände zu Heraldik, Kostümkunde und Geschichte.

Er las häufig drei Bücher gleichzeitig: ein geistliches Buch, einen Kriminalroman und ein Sachbuch.

Historisches Interesse

In seinem Studierzimmer in Reetz legte Manoury den Grundstein für seine umfangreiche historische Bildung.

Diese Interessen fanden später ihren Ausdruck in zahlreichen historischen Veröffentlichungen.

Pazifistische Tendenzen

Eine Schrift aus seiner Reetzer Zeit zeigt, dass Manoury zeitweise pazifistische und antinationalistische Positionen vertrat.

In einer Besprechung von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues schrieb er über die Sinnlosigkeit des militärischen Drills und über Erfahrungen ehemaliger Soldaten.

Wechsel nach Berlin und Potsdam

Reetz empfand Manoury offenbar langfristig als zu begrenztes Tätigkeitsfeld.

Bereits 1926 bewarb er sich erfolglos auf eine Berliner Pfarrstelle.

1931 verließ er Reetz.

Am 12. April wurde er Zweiter Pfarrer an der Kloster-Paroisse der Berliner Französischen Kirche.

Im Mai wurde er zugleich Verwalter der französisch-reformierten Gemeinde in Potsdam.

Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung.

Der Prediger Manoury

Manoury hielt seine Predigten frei.

Seine Tochter Esther erinnerte sich, wie er freitags durch die Wohnung ging und leise vor sich hin sprach, während er seine Predigt entwickelte.

Wenn er in Berlin predigte, arbeitete er seine Gedanken teilweise bereits während der Fahrt in der S-Bahn aus.

Die Deutschen Christen

Für das Jahr 1933 gibt es Hinweise darauf, dass Manoury zeitweise der Glaubensbewegung Deutsche Christen angehörte.

Ein von ihm als Modérateur der Generalversammlung unterzeichneter Brief vom 3. Juli 1933 spricht für eine solche Mitgliedschaft.

Der Brief forderte eine stärkere Beteiligung von Mitgliedern der Deutschen Christen an der kirchlichen Neuordnung.

Dieses Dokument ist jedoch das einzige bekannte Beweisstück für eine solche Zugehörigkeit, und die Phase scheint, wenn überhaupt, nur von kurzer Dauer gewesen zu sein.

Der Kirchenkampf 1933

Die evangelische Kirche geriet im Sommer 1933 zunehmend unter politischen Druck.

Der preußische Kultusminister Bernhard Rust setzte August Jäger als Staatskommissar für die preußischen Landeskirchen ein.

Jäger verfolgte das Ziel einer politischen Gleichschaltung der evangelischen Kirche.

Zahlreiche kirchliche Amtsträger protestierten gegen diese staatlichen Eingriffe.

Manourys Reaktion

Manoury versuchte, die besonderen Rechte der französisch-reformierten Gemeinden zu schützen.

Am 7. Juli 1933 schrieb er an den zuständigen Staatssekretär und verwies auf den besonderen Status der Hugenottengemeinden.

Er argumentierte, dass die französisch-reformierten Gemeinden keine gewählten Körperschaften im üblichen Sinne besaßen und daher nicht ohne Weiteres von den neuen Gleichschaltungsmaßnahmen betroffen sein könnten.

Dadurch gelang es ihm, das bestehende Consistorium zunächst vor einem stärkeren Zugriff der Nationalsozialisten zu bewahren.

Der Kirchenkampf im Consistorium

Das Consistorium selbst war politisch gespalten.

Manoury beschrieb die Situation später so:

Als der Kirchenkampf begann, wurden die Verhältnisse in unserem Consistorium sehr unerfreulich. Es kam bei uns zu einem regelrechten Kirchenkampf.

Nationalsozialistische Mitglieder versuchten, Gegner des Regimes aus den kirchlichen Gremien zu verdrängen.

Die Deutsche Hugenottenkirche

Seit 1934 beteiligte sich Manoury an einem Projekt zur Schaffung einer Deutschen Hugenottenkirche.

Er gehörte einem dreiköpfigen Gremium an, das eine Verfassung für die geplante Kirche entwickeln sollte.

Das Projekt wurde später nicht verwirklicht.

Manoury distanzierte sich schließlich davon.

250 Jahre Edikt von Potsdam

Im Oktober 1935 wurde die 250. Wiederkehr des Edikts von Potsdam gefeiert.

Teile der Hugenottengemeinde versuchten damals, ihre Loyalität gegenüber dem nationalsozialistischen Staat besonders deutlich zu zeigen.

Manoury predigte am 30. Oktober in der Potsdamer Kirche über den Großen Kurfürsten.

Teile seiner Predigt konnten als Anpassung an die damalige politische Sprache verstanden werden.

Andere Passagen enthielten dagegen deutliche Kritik an staatlich erzwungener religiöser und politischer Einheit.

Kritik an erzwungener Einheit

In seiner Predigt erinnerte Manoury an die Verfolgung der Hugenotten durch Ludwig XIV.

Er bezeichnete die erzwungene Einheit von Staat, Volk und Kirche als eine Vergewaltigung des menschlichen Gewissens.

Diese Worte konnten im politischen Kontext von 1935 durchaus als indirekte Kritik am nationalsozialistischen Regime verstanden werden.

Distanz zum Nationalsozialismus

Manoury behielt später eine deutliche Distanz zum Nationalsozialismus.

Gleichzeitig schloss er sich auch der Bekennenden Kirche nicht an.

Im Oktober 1936 lehnte er sogar einen Referenten ab, der der Bekennenden Kirche nahestand.

Die hebräischen Buchstaben

In Potsdam verlangten nationalsozialistische Stellen, vier hebräische Buchstaben über dem Eingang der französisch-reformierten Kirche zu entfernen.

Die Buchstaben stellten den Namen Gottes dar.

Manoury lehnte ihre Entfernung ab.

Während der Pogromnacht vom 9. November 1938 wollten auswärtige SS-Männer die Kirche sogar anzünden, weil sie diese fälschlicherweise für eine Synagoge hielten.

Publizistische Tätigkeit

Zwischen April 1937 und Mai 1941 war Karl Manoury Redakteur der Kirchlichen Nachrichten für die französisch-reformierten Gemeinden in Großberlin.

Er veröffentlichte mehr als 400 Artikel, vor allem zur Geschichte der Hugenotten.

Der Zweite Weltkrieg beginnt

Im August 1939 richtete Manoury einen Luftschutzkeller her.

Dafür wurde er kritisiert, denn im nationalsozialistischen Umfeld hieß es: „Unser Führer macht keinen Krieg.“

Wenige Tage später wurden jedoch die Stellungsbefehle verteilt.

Ab dem 27. August diente Manoury bei der schweren bespannten Artillerie und nahm am deutschen Überfall auf Polen teil.

Am 13. Dezember 1939 wurde der inzwischen 45-jährige Soldat wieder entlassen.

Propaganda und eigene Kriegserfahrung

Nach seiner Rückkehr hielt Manoury einen Vortrag vor Frauen in Berlin.

Eine überzeugte Nationalsozialistin fragte ihn, ob er die von der Propaganda behaupteten polnischen Greueltaten selbst gesehen habe.

Manoury antwortete, dass er davon weder etwas gesehen noch in Polen davon gehört habe.

Diese Aussage widersprach der offiziellen Propaganda und stieß auf Ablehnung.

Antisemitische Maßnahmen im Consistorium

Lange Zeit schützte das Consistorium Gemeindemitglieder und Mitarbeiter, die nach nationalsozialistischen Kriterien als nichtarisch galten.

Seit 1938 setzte sich jedoch eine antisemitische Mehrheit durch.

Mitarbeiter wurden entlassen und jüdischen Mietern gemeindeeigene Wohnungen gekündigt.

Wie Manoury sich in allen Einzelfragen verhielt, ist nach der Quelle nicht eindeutig bekannt.

Israel Rabinowitsch

1943 wurde Manoury unmittelbar mit den Folgen der nationalsozialistischen Rassenpolitik konfrontiert.

Israel Rabinowitsch, ein Mitglied seiner früheren Reetzer Gemeinde, war in Potsdam festgenommen worden.

Zwei seiner Kinder kamen zu Manoury, um Trost und Unterstützung zu suchen.

Rabinowitsch wurde im September 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.

Die letzten Kriegstage

In den letzten Kriegstagen stellte sich Manoury gegen Mitglieder des Consistoriums, die Hitler weiterhin unterstützten.

Laut einem späteren Bericht verhinderte seine Weigerung, ein Huldigungstelegramm zu unterzeichnen, dass ein solches Telegramm noch im Mai 1945 versandt wurde.

Zerstörung in Berlin und Potsdam

1944 wurde das Gotteshaus am Gendarmenmarkt durch Bomben zerstört.

Am 14. April 1945 wurde auch Potsdam schwer bombardiert.

Das Pfarrhaus wurde stark beschädigt, ebenso die französisch-reformierte Kirche.

Manoury erinnerte sich, dass die brennende Stadt so hell leuchtete, dass man im Zimmer Zeitung lesen konnte.

Die Rote Armee in Potsdam

Als die Rote Armee näher rückte, musste Manoury seine Waffensammlung verstecken.

Teile der Sammlung gingen verloren. Der Rest gelangte später in das Hugenottenmuseum in Berlin.

Vor dem Pfarrhaus standen sowjetische Batterien. Während der Kämpfe konnte Manoury das Kriegsgeschehen direkt vom Fenster aus beobachten.

Der erste Gottesdienst nach dem Krieg

Nach Ende der Kämpfe beteiligte sich Manoury selbst an provisorischen Reparaturen am Kirchendach.

Über seine Erfahrungen schrieb er:

Ich glaube, die beiden Kriege haben auch viele Pfarrer umgewandelt beziehungsweise einen neuen Typus geschaffen, der den Sorgen und Nöten des Lebens näher stand.

Am 20. Mai konnte der erste Gottesdienst mit 32 Teilnehmern gefeiert werden.

Arbeit nach 1945

Nach dem Krieg bemühte sich Manoury zweimal erfolglos um eine neue Stelle.

1948 gründete er auf seine Initiative hin ein neues Gemeindeorgan: Die Hugenottenkirche.

Dieses betreute er bis zu seinem Tod.

Er veröffentlichte dort mehr als 250 eigene Beiträge.

Historiker der Hugenotten

Manoury veröffentlichte zahlreiche historische Werke.

Bereits während des Krieges erschien seine zweibändige Geschichte der Hugenottenkirche.

1955 folgte Das Kriegswesen der Hugenotten 1562–1598.

Zwei Jahre später erschien Die Geschichte der Französischen Kirche zu Berlin.

Manoury galt außerdem als Fachmann für mittelalterliche Festungsbauten.

Verbindung zu Reetz

Den Kontakt zu den Menschen in Reetz verlor Karl Manoury nie.

Als Alfred Wernicke 1950 von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet wurde und seine Familie die Flucht aus der DDR plante, wurde Manoury zu einer wichtigen Kontaktperson.

In seinem Pfarrhaus traf sich Frau Wernicke mit ihrem Vater aus West-Berlin.

Die Potsdamer Gemeinde

Im September 1953 feierte die Gemeinde das 200-jährige Bestehen der Potsdamer Kirche.

Manoury beschrieb die inzwischen stark verkleinerte Gemeinde dennoch als lebendige Gemeinschaft.

Verzage nicht, du Häuflein klein!

Das Gemeindezentrum in Berlin-Halensee

Ein weiteres wichtiges Projekt Manourys war die Gründung eines neuen Gemeindezentrums in Berlin-Halensee.

Bei dessen Einweihung am 10. Dezember 1961 konnte er wegen der geschlossenen Grenze nicht anwesend sein.

Die letzten Jahre

1962 wurde Karl Manoury emeritiert.

Als Modérateur der französisch-reformierten Kreissynode blieb er jedoch weiterhin aktiv.

Am 8. August 1966, wenige Monate nach dem Tod seiner Frau, starb Karl Manoury in Berlin.

Erinnerung an Karl Manoury

Otto Leutke schrieb über ihn:

Pfarrer Manoury war der Mann der Gemeinde. Er hielt nicht viel von ökumenischen Träumereien und gesamtkirchlichen Gleichschaltungsbestrebungen.

Der Hausbesuch bei den Alten, Einsamen und Kranken ist wichtiger als die Weltreisen der prominenten Kirchenfürsten.

Quellen und Literatur