Kreis Zauch-Belzig und Paul von Hindenburg

John Shreve

1. Präsidentschaftswahl 1925 – Erster Wahlgang

Nach dem Tod von Reichspräsident Friedrich Ebert im Februar 1925 hatte das deutsche Volk zum ersten Mal in seiner Geschichte die Gelegenheit, ein Staatsoberhaupt zu wählen.

Die Parteien und Organisationen am rechten Ende des politischen Spektrums witterten die Chance, die Republik, die sich noch Reich nannte, in eine andere Richtung zu lenken und formierten sich zum Reichsblock.

Sie nominierten den Rechtsaußen Oberbürgermeister von Duisburg und früheren Reichsinnenminister Dr. Karl Jarres als Kandidat.

In Belzig veröffentlichte der Reichsblock einen Aufruf, der unterschrieben wurde von der DVP, der Deutschnationalen Volkspartei (Kreisverein Zauch-Belzig), der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung, der Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes, dem Landbund Zauch-Belzig, dem Deutschen Schützen- und Wanderbund und dem Stahlhelm (Bund der Frontsoldaten).

Konflikt um die Kandidatur

Die Deutschvölkischen gerieten allerdings in einen Konflikt und fühlten sich genötigt, eine Erklärung abzugeben.

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitlers hatte nämlich den ehemaligen General Erich Ludendorff nominiert.

Dazu schrieb die Belziger Ortsgruppe der Deutschvölkischen Freiheitsbewegung:

Durch diese Sonderkandidatur wird die Vaterländische Einheitskandidatur von Dr. Jarres aufs schwerste gefährdet...

Die deutschvölkische Freiheitsbewegung ist sich darüber klar, daß zwischen ihrer völkischen Auffassung und Dr. Jarres erhebliche Gegensätze bestehen.

Sie erkennt aber, daß jede Zersplitterung der vaterländischen und völkischen Kreise beim ersten Wahlgang die Gefahr heraufbeschwört, daß im zweiten Wahlgang eine marxistische oder ultramontane Sammelkandidatur die größte Stimmenzahl erreicht und damit den Sieg erringt.

Das muß gerade um des völkischen Gedankens willen verhindert werden. Darum muß jeder Völkische am 29. März seine Stimme abgeben für Obermeister Dr. Jarres aus Duisburg.

Die anderen Kandidaten

Die Kommunisten nominierten den ehemaligen Hamburger Hafenarbeiter Ernst Thälmann, der den kommunistischen Aufstand vom November 1923 gegen die Republik dort ausgelöst hatte.

Am 14. März lud die KPD bei Fritz Thiele zu einer Versammlung zu dem Thema Die K.P.D. und die Reichspräsidenten-Wahl ein.

Um die Kandidatur Thälmanns zu unterstützen, reiste die Reichstagsabgeordnete Martha Ahrendsee durch den Kreis.

Am 25. März sprach sie auf einer Wählerversammlung im Lokal Fritz Thiele zu dem Thema: Warum müssen wir den roten Kandidaten Thälmann wählen!

Am 22. März sprach Alex Seling, Redakteur der Brandenburger Zeitung, im Lokale Frähsdorf in Wiesenburg zu der Kandidatur des Sozialdemokraten Otto Braun.

Fünf Tage später war die sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Elfriede Ryneck bei Thiele in Belzig.

Am 20. März veröffentlichte Braun, der die längste Zeit der Republik als preußischer Ministerpräsident diente, eine Erklärung, die am 28. März im Zauch-Belziger Kreisblatt erschien.

Er versprach die Fortsetzung des Werkes Friedrich Eberts. Die Republik brauche den Schutz eines überzeugten Republikaners.

Erkennt, deutsche Wählerinnen und Wähler, wie Ihr durch monarchistische und übernationistische Irreführung betrogen worden seid!

Gegen sie rufe ich Euch zum Kampf, nicht für meine Person, sondern für die Zukunft unseres arbeitenden und leidenden Volkes, für die großen Ideen, denen Friedrich Ebert gehuldigt hat!

Es lebe die Republik!

Das Ergebnis des ersten Wahlgangs

Am 29. März wurde von 9 bis 18 Uhr gewählt.

Im ersten Wahlgang am 29. März 1925 erhielt Jarres 38,8 % der Stimmen im Reich, Otto Braun 29,1 %.

Im Kreise Zauch-Belzig schnitten beide Kandidaten noch besser ab. Braun kam auf 32,3 %, Jarres gar auf eine satte Mehrheit von 56,6 %.

Da aber im Reich kein Kandidat die absolute Mehrheit erreichte, war ein zweiter Wahlgang notwendig, in dem eine relative Mehrheit reichen würde.

2. Präsidentschaftswahl 1925 – Zweiter Wahlgang

In der ersten Reichspräsidentenwahl der deutschen Geschichte hatte im ersten Wahlgang kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht. Es musste noch einmal gewählt werden.

Die sogenannten Weimarer Parteien – die Parteien, die die Republik befürworteten – einigten sich als Volksblock auf die gemeinsame Kandidatur von Wilhelm Marx.

Marx, ehemaliger Kanzler von der Zentrumspartei, hatte im ersten Wahlgang nur 14,5 % im Reich erhalten.

In Anzeigen bezeichneten sie Marx als den gemeinsamen Kandidaten der Verfassungstreuen.

Die Kommunisten stellten den chancenlosen Ernst Thälmann auch im zweiten Wahlgang auf.

Hindenburg wird Kandidat

Die Deutschnationalen fürchteten, daß Jarres keine ausreichende Mehrheit gewinnen könnte und ließen ihn fallen.

Nun nominierte der Reichsblock den Helden des Weltkrieges, überzeugten Monarchisten und Erfinder der Dolchstoßlegende, Feldmarschall Paul von Beneckendorff und von Hindenburg, als Präsidenten der Republik.

Trotz der Niederlage im Krieg war die Popularität des Feldmarschalls ungebrochen.

Er war eine Art Hoffnungsträger für diejenigen, die der Vergangenheit nachtrauerten.

Der Wahlkampf

Am 22. April lud die Ortsgruppe des SPD-nahen Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold zu einer Veranstaltung in Fritz Thieles Lokal Zur grünen Tanne ein.

Es sprach der Kamerad Franz Winand zugunsten der Kandidatur von Wilhelm Marx.

Zwei Tage später sprach im gleichen Lokal die kommunistische Landtagsabgeordnete Hanna Ludewig zu dem Thema: Warum muß die werktätige Bevölkerung Thälmann wählen!

Am Vorabend des zweiten Wahlgangs lud der Reichsblock, inzwischen ergänzt vom Jungdeutschen Orden, in das Hotel Burg Eisenhardt.

Hindenburg gewinnt

Der Name des nationalen Helden Hindenburg auf dem Wahlzettel sorgte dafür, daß die Wahlbeteiligung im Kreise zehn Prozent höher war als im ersten Wahlgang.

Im zweiten Wahlgang am 26. April gingen 4327 mehr Menschen im Kreis Zauch-Belzig zur Urne als im ersten Wahlgang.

Hindenburg erhielt 4142 mehr Stimmen als Jarres im ersten Wahlgang.

60,2 % der Wähler im Kreis Zauch-Belzig stimmten für den Feldmarschall.

Hindenburg gewann in allen sechs Städten sowie in 118 der Landgemeinden.

Im Reich erhielt er 48,5 %.

Besonders in den Landgemeinden waren die Mehrheiten für Hindenburg oft erdrückend.

Von den 118 Gemeinden, in denen er gewann, gab ihm mehr als die Hälfte Mehrheiten von über 80 %.

22 davon stimmten sogar mit mehr als 95 % für Hindenburg. Die Wähler von Garrey, Jeserig bei Treuenbrietzen, Haseloff, Lühnsdorf, Lobbese, Pflügkuff, Niebelhorst und Zeuden stimmten zu 100 % für den Feldmarschall.

Dennoch konnte Marx, der im ersten Wahlgang nur 1,4 % der Stimmen im Kreis auf sich einigen konnte, im zweiten Wahlgang mehr Stimmen erzielen, als er und Braun im ersten Wahlgang zusammen erhalten hatten.

Es zeigt, daß der nationale Held Hindenburg trotz alledem nur die konservativen Wähler, die sonst für Parteien stimmten, die die Republik nicht befürworteten, auf sich einigen konnte.

Diese Gruppe bildete aber im Kreis Zauch-Belzig die Mehrheit.

3. Belzig feiert Hindenburgs 80. Geburtstag

Am Sonnabendabend, den 1. Oktober 1927, läuteten die Glocken der St. Marien Kirche in Belzig.

Es galt dem anstehenden Erntedankfest, aber auch dem 80. Geburtstag des seit zwei Jahren amtierenden Reichspräsidenten Paul von Hindenburg.

Im Hauptgottesdienst am Sonntag leistete Superintendent Bree für den Reichspräsidenten Fürbitte und lud die Gemeinde zu einem Feldgottesdienst am Nachmittag ein.

Der Feldgottesdienst

Um 16 Uhr versammelten sich unter der Friedenseiche von 1870/71 auf dem Schützenplatz die städtischen Körperschaften, die Schützengilde, der Kriegerverein Germania, der Krieger- und Landwehrverein, der Stahlhelm, der Schützen- und Wanderbund, der Landbund, die Sanitätskolonne vom Roten Kreuz und der Jungdeutsche Orden.

Die Fahnenträger der Vereine nahmen um die Eiche Aufstellung und die Stadtkapelle spielte die beiden ersten Verse des Niederländischen Dankgebets.

Superintendent Bree eröffnete den dem Reichspräsidenten gewidmeten Gottesdienst mit Worten aus dem zweiten Buch Mose.

Aber gehorche meiner Stimme; ich will dir raten, und Gott wird mit dir sein. Vertritt du das Volk vor Gott und bringe ihr Anliegen vor Gott und tu ihnen die Satzungen und Weisungen kund, daß du sie lehrest den Weg, auf dem sie wandeln, und die Werke, die sie tun sollen.

Das Erntedankfest gelte Gott dem Herrn, sagte der Superintendent, aber in jenem Jahr auch dem ehrwürdigen Greis an der Spitze des Deutschen Reiches.

Er zitierte außerdem Goethe:

Ein Jeglicher muß seinem Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp sich nacharbeitet.

Die Deutschen hätten ihren Helden gewählt. Nun möge jeder in seinem Kreise und Berufe ihm in gleicher Gottesfurcht und Pflichttreue nacharbeiten.

Der Feldgottesdienst endete nach einer dreiviertel Stunde mit drei Strophen des Niederländischen Dankgebets.

Fackelzug durch Belzig

Von 17 bis 18 Uhr gab die Stadtkapelle ein Konzert auf dem Marktplatz.

Anschließend sammelten sich die Vereine erneut auf dem Schützenplatz zu einem Fackelzug durch die Stadt zu Ehren des Reichspräsidenten.

Die Feierlichkeiten fanden ihren Abschluss auf dem Marktplatz mit einer Rede des Bürgermeisters Schlimm.

Er, der Generalfeldmarschall und Reichspräsident, ist die stärkste, reinste und machtvollste Persönlichkeit unserer Zeit, der Heros der Deutschen.

Ihn wird die Geschichte noch künden, wenn unsere Zeit bereits ferne Mär geworden ist; seinen Namen wird man noch nennen, wenn alle Einzelheiten der großen Kriegs- und Nachkriegszeit bereits vergessen sind.

Der Bürgermeister erklärte weiter:

Aus der Not und Tiefe unserer Zeit reckt sich seine Persönlichkeit empor als Symbol und Wegweiser aus glücklicher Vergangenheit durch leidvolle Gegenwart in eine bessere Zukunft.

4. Präsidentschaftswahl 1932 – Hindenburg kontra Hitler

1932 endete die Amtszeit des Reichspräsidenten.

Reichskanzler Brüning, dessen Regierung sich nicht auf eine Mehrheit im Parlament stützte, sondern auf die Notverordnungen des Präsidenten, versuchte den Reichstag für die Idee einer Verlängerung der Amtszeit Hindenburgs um zwei Jahre zu gewinnen.

Die Nationalsozialisten, die seit 1930 die stärkste Fraktion stellten, lehnten den Plan ab.

Daraufhin wurde der 84-jährige Hindenburg dazu überredet, für eine zweite Amtszeit anzutreten.

Die Gegner der Republik hatten sich gegen ihren einstigen Helden gewandt, der ihrer Meinung nach zu wenig zur Beseitigung der Republik getan hatte.

Die Nationalsozialisten bezeichneten die erneute Kandidatur Hindenburgs als letzten Versuch, das Weimarer System zu retten.

Tatsächlich wurde seine Kandidatur nun von der SPD und der Zentrumspartei unterstützt, die 1925 noch gegen ihn gewesen waren.

Die Gegenkandidaten

Die Deutschnationale Volkspartei und der Stahlhelm, die Hindenburg 1925 als Kandidaten aufgestellt hatten, waren inzwischen von ihm enttäuscht.

Sie stellten den zweiten Bundesführer des Stahlhelms, Oberstleutnant a.D. Theodor Duesterberg, als Gegenkandidaten auf.

Wie im Jahre 1925 nominierten die Kommunisten Ernst Thälmann.

Am 22. Februar wurde in einer Versammlung in Berlin Adolf Hitler zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei ausgerufen.

Es gab jedoch ein Problem: Hitler war nicht deutscher Staatsbürger. Erst als man ihn zum Regierungsrat in Braunschweig ernannte, wurde er deutscher Staatsbürger.

Der Wahlkampf in Belzig

Am 2. März veranstaltete die Belziger Ortsgruppe der NSDAP zwei Massenkundgebungen zur Unterstützung Hitlers.

Unter dem Motto Schluß jetzt! Alles wählt Hitler! fanden Veranstaltungen im Schützenhaus und im Hotel Burg Eisenhardt statt.

Am folgenden Tag lud die Kampfleitung der sogenannten Eisernen Front ein.

In den folgenden Tagen fanden zahlreiche weitere Wahlkampfveranstaltungen in Belzig, Wiesenburg, Reetz, Reetzerhütten und Reppinichen statt.

Die Unterstützer Hindenburgs warben mit dem Wahlspruch:

Der Erste im Felde,
Der Erste im Frieden,
Der Erste im Herzen des deutschen Volkes.

Sie kamen zu dem Schluss:

Der Vater des Vaterlandes ist und soll bleiben Hindenburg.

5. Kreis Zauch-Belzig wählt 1932 Hitler

Als die Wähler des Kreises Zauch-Belzig am 13. März 1932 zwischen 9 und 18 Uhr ihre Stimmen abgaben, hatte Hindenburg die fast überwältigende Unterstützung, die er 1925 genossen hatte, eingebüßt.

Im ersten Wahlgang gewann Hindenburg zwar alle Städte, aber nur 35 Landgemeinden.

Theodor Duesterberg gewann fünf Landgemeinden.

Adolf Hitler gewann dagegen 109 Landgemeinden, davon 74 mit absoluter Mehrheit.

Im Reich verfehlte Hindenburg die notwendige absolute Mehrheit um lediglich 0,4 %.

Im Kreis Zauch-Belzig erhielt er dagegen nur 31,5 %.

Hier war Adolf Hitler mit 42,1 % der Gewinner.

Duesterberg erreichte im Kreis 11,2 %, Ernst Thälmann 7,8 %.

Der zweite Wahlgang

Der Höhepunkt des Wahlkampfes zum zweiten Wahlgang war eine Kundgebung der NSDAP am 5. April in den Sälen des Schützenhauses und des Hotels Burg Eisenhardt.

Im zweiten Wahlgang am 10. April wurde Reichspräsident von Hindenburg mit 53,1 % im Reich wiedergewählt.

Im Kreis Zauch-Belzig konnte Hindenburg sich jedoch nur in fünf von sechs Städten und 26 Landgemeinden durchsetzen und erreichte lediglich 38,7 % der Stimmen.

Adolf Hitler gewann die Stadt Brück und 119 Landgemeinden.

Im ersten Wahlgang hatten 25 Landgemeinden Hitler mindestens 80 % ihrer Stimmen gegeben. Acht davon gaben ihm mehr als 90 %.

Im zweiten Wahlgang gaben bereits 42 Landgemeinden Hitler mindestens 80 % ihrer Stimmen. 29 davon gaben dem Führer der NSDAP mehr als 90 %.

Im Kreis Zauch-Belzig erzielte Hitler schließlich eine absolute Mehrheit von 53,4 %.

Auf dem Lande im Kreis Zauch-Belzig betrug seine Mehrheit sogar 57,2 %.

Der politische Wandel auf dem Land

In vielen Orten gewann Hindenburg im zweiten Wahlgang zwar Stimmen hinzu, aber der Zuwachs an Stimmen für Hitler war wesentlich höher.

Überall wechselten die meisten Duesterberg-Wähler zu Hitler.

Besonders deutlich wird die politische Veränderung beim Vergleich mit der Präsidentschaftswahl von 1925.

Von den Gemeinden, die 1925 für Braun beziehungsweise Marx gestimmt hatten, stimmten 1932 alle außer vier für Hindenburg.

Von den 118 Landgemeinden, die 1925 für Hindenburg gestimmt hatten, waren nun alle außer fünf für Adolf Hitler.

Alle Gemeinden, die Hindenburg 1925 große Mehrheiten von 75 % und mehr gegeben hatten, stimmten 1932 für Hitler.