Richard Senst

genannt Pfiffig

Ein bemerkenswertes Leben

Seinen Grabstein kann man noch auf dem Reetzer Friedhof finden, obwohl er durch hochgewachsene Bäume und Büsche gut versteckt ist.

Richard Senst, Zimmermeister, steht darauf. Es ist eine schlichte Aussage über ein bemerkenswertes Leben.

Senst wurde am 10. August 1889 im Ortsteil Roter Strumpf als Sohn des Mauermeisters Friedrich Senst geboren.

Sein Vater hatte wenige Jahre zuvor dort eine Ziegelei errichtet.

Der Erste Weltkrieg

Der Erste Weltkrieg traf die Familie Senst härter als jede andere Familie in Reetz.

Als die Waffen ruhten, waren drei Söhne des Mauermeisters gefallen, einer galt seit August 1918 als vermißt und ein weiterer befand sich in französischer Kriegsgefangenschaft.

Richard Senst selbst kehrte unversehrt aus Mazedonien zurück.

Übernahme von Ziegelei und Sägewerk

Am 7. Dezember 1919 überschrieb Friedrich Senst die Ziegelei und das Sägewerk auf seinen Sohn, den Zimmermeister Richard Senst.

In Reetz nannte man ihn Pfiffig. Der Beiname kam nicht von ungefähr.

Senst war technisch interessiert, erfinderisch und vielseitig begabt.

Er war maßgeblich daran beteiligt, dass nach dem Ersten Weltkrieg moderne Technik in Reetz Einzug hielt.

Elektrischer Strom für Reetz

1921 baute Richard Senst ein Maschinenhaus und kaufte eine fahrbare Dampfmaschinenanlage mit 150 PS, eine sogenannte Lokomobile.

Die Dampfmaschine trieb einen Dynamo an, der Eigentum der Gemeinde war.

Beheizt wurde die Maschine mit Abfällen aus Sensts Sägewerk.

Holzreste wurden ständig in Kiepen zur Dampfmaschine gebracht.

Mit dem erzeugten Strom betrieb Senst sein Sägewerk.

Gleichzeitig blieb genügend Strom übrig, der in Batterien gespeichert wurde, um Reetz mit Gleichstrom zu versorgen.

Engagement für die Gemeinde

1922 gehörte Senst zu den Mitbegründern der Freiwilligen Feuerwehr in Reetz.

Von 1933 bis 1945 war er Wehrleiter.

Außerdem war er Kirchenältester und Mitglied der Gemeindevertretung.

Richard Senst galt als besonders intelligenter, genauer und zuverlässiger Mensch.

Jede Woche stellte er die Kirchenuhr.

Wohlhabend, aber bescheiden

Richard Senst war der wohlhabendste Mann im Ort, doch man merkte es ihm kaum an.

Wie viele andere Reetzer ging er meist in Holzpantoffeln.

Wenn er zu einer Versammlung nach Belzig fuhr, nahm er das Fahrrad und eine Stulle mit.

Die Zeit des Nationalsozialismus

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, trat fast die gesamte Dorfelite in die NSDAP ein.

Die wichtigsten Ausnahmen waren Müllermeister Otto Kühne und Richard Senst.

Obwohl Senst zunächst kein Nationalsozialist war, behielt er seinen großen Einfluss im Dorf.

Er blieb Mitglied der Gemeindevertretung und kümmerte sich weiterhin um die Entwicklung von Reetz.

Die Badeanstalt

Neben Bürgermeister Hermann Friedrich war Richard Senst eine treibende Kraft beim Bau der Badeanstalt in den Jahren 1937 bis 1938.

Für die Bauarbeiten stellte er eine Zugmaschine, Schienen und Kipploren aus der Ziegelei zur Verfügung.

Die Umkleidekabinen baute Zimmermeister Senst selbst.

Modernisierung der Ziegelei

1938 wurden Teile der Produktion in Sensts Ziegelei automatisiert.

Wirtschaftlich dachte Senst langfristig und zugleich ökologisch.

Nachdem der Ton einer Fläche abgebaut worden war, wurden umfangreiche Bodenumlagerungen vorgenommen.

Dadurch konnte das Land unmittelbar danach wieder landwirtschaftlich genutzt werden.

In seiner eigenen Landwirtschaft lehnte Senst Kunstdünger ab und verwendete ausschließlich natürliche Dünger.

Israel Rabinowitsch

Zu den Beschäftigten in der Ziegelei gehörte auch Israel Rabinowitsch.

Rabinowitsch war während des Ersten Weltkriegs als russischer Kriegsgefangener in die Brandtsheide gekommen und hatte nach dem Krieg in Reetz geheiratet.

Obwohl er 1922 evangelisch getauft worden war, wurde er nach der nationalsozialistischen Rassenideologie als Jude eingestuft.

Seine Kinder galten als sogenannte Halbjuden.

Richard Senst versuchte, Rabinowitsch und dessen Familie zu schützen und zu unterstützen.

Versuch einer Auswanderung nach Brasilien

Noch vor dem Krieg versuchte Senst, der Familie Rabinowitsch eine Auswanderung nach Brasilien zu ermöglichen.

Sensts Bruder Karl war nach São Paulo ausgewandert und wollte nach Deutschland zurückkehren.

Gedacht war eine Art Wohnungstausch: Karl Senst sollte in das Haus der Familie Rabinowitsch ziehen und diese hätte sein Haus in Brasilien übernehmen können.

Anna Rabinowitsch wollte ihre Heimat jedoch nicht verlassen.

Israel Rabinowitsch lehnte das Angebot deshalb ebenfalls ab.

Die Raucherkarte

Anfang 1942 versuchte Senst, der im Juli 1941 in die NSDAP eingetreten war, zumindest eine Raucherkarte für seinen Mitarbeiter Rabinowitsch zu erhalten.

Das Wirtschaftsamt des Landrates des Kreises Zauch-Belzig antwortete:

Ihrem Antrag vom 9. ds Mts. auf Ausstellung einer Raucherkarte für den Arbeiter Israel Rabinowitsch kann ich leider nicht entsprechen, da es sich um einen Juden handelt.

Schutz vor der Gestapo

Rabinowitsch wurde wiederholt von der Gestapo nach Potsdam vorgeladen.

In solchen Fällen versuchte Senst, sich bei den Behörden für ihn einzusetzen.

Zweimal reiste Richard Senst nach Berlin, um eine Freistellung für seinen Mitarbeiter zu erreichen.

Im März 1943 wurde Rabinowitsch erneut und zum letzten Mal nach Potsdam beordert.

Er bat Senst diesmal, sich nicht mehr für ihn einzusetzen, weil dies für Senst und dessen Familie gefährlich werden könne.

Als klar wurde, dass Rabinowitsch in Potsdam festgehalten wurde, setzte Senst sich dennoch erneut bei der Gestapo ein.

Diesmal blieb sein Versuch ohne Erfolg.

Senst wurde mit Konsequenzen bedroht, falls er sich weiterhin für Rabinowitsch einsetze.

Nach der Ermordung Rabinowitschs

Nach der Ermordung Israel Rabinowitschs im Konzentrationslager Auschwitz kümmerte sich Senst weiterhin um dessen Familie.

Unter anderem beschäftigte er zeitweise die Söhne Rabinowitschs in seinem Betrieb.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Krieg beschränkte sich Richard Sensts Rolle weitgehend auf die des größten Arbeitgebers in der Gemeinde.

Der Tod von Richard Senst

Am 26. Juli 1947 starb Richard Senst, genannt Pfiffig, im Alter von 57 Jahren.

Während eines Gewitters hatte er im Transformatorhaus im Roten Strumpf gearbeitet.

Dort wurde er von einem Blitz getroffen.

Das Ende des Familienunternehmens

Nach seinem Tod wurde die Firma als Geschwister Senst, Sägewerk und Ziegelei weitergeführt.

Am 6. März 1953 wurde die Reetzer Ziegelei volkseigen.

Kurz zuvor war es der Familie gelungen, aus der DDR zu fliehen.

Der persönliche Besitz der Familie wurde anschließend beschlagnahmt und versteigert.